Landwirtschaft

Revolution für Hof und Acker

Der Green Deal der EU-Kommission nimmt Gestalt an. Mit der Farm-to-Fork-Strategie kommen auf die europäische Landwirtschaft viele Veränderungen zu.
  • Getreide umweltschonend anbauen: Wildblumen an einem Feldrand. Foto: Markus Scholz/dpa
  • Weniger Fleisch, stattdessen mehr Obst und Gemüse: Die EU will die Bevölkerung umerziehen. Foto: ©Antonina Vlasova/shutterstock.com
  • In Kitas und Schulen soll frisch gekocht werden. Foto: ©Oksana Kuzmina/shutterstock.com
  • Zu viel Fleischkonsum schadet der Umwelt. Und die Schweine sollen auch mehr Platz bekommen. Foto: Holger Hollemann/dpa
Die Landwirte rollen mit ihren Traktoren wieder durch die Städte in Deutschland. Nach einer Corona-bedingten Pause gibt es neue Bauern-Demos, unter anderem zielt ihr Unmut auf Farm-to-Fork, die neue Agrarstrategie der EU-Kommission. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Was bedeutet Farm-to-Fork? Die Lebensmittelstrategie Farm-to-Fork – zu Deutsch „Vom Acker auf den Teller“ – ist Bestandteil des Green Deal der EU-Kommission und stellt laut Kommissionsbericht dessen „Kernstück“ dar. Damit soll die EU bis 2050 klimaneutral sein – also nur noch so viel CO2 ausstoßen, wie der Atmosphäre auf natürliche oder technische Weise wieder entzogen werden kann. Das erfordert eine neue Art des Wirtschaftens und des Konsumierens, einen anderen Umgang mit der Natur.

Was bedeutet das für die Bauern? Nach dem Willen der EU-Kommission soll ein Viertel der EU-Landwirtschaftsfläche auf Biolandbau umgestellt werden. Derzeit liegt der Anteil bei 7,5 Prozent. In Deutschland beträgt er zehn Prozent. Andere Länder haben einen verschwindend geringen Anteil, wie zum Beispiel Irland, wo es nur 2,6 Prozent sind. Zudem sollen der Einsatz von Düngemitteln um 20 Prozent und der Verkauf von Antibiotika, die für Nutztiere bestimmt sind, um die Hälfte reduziert werden. Um den Einsatz neuer Technologien zu fördern, soll es bis 2025 in allen ländlichen Gebieten schnelles Internet geben. Außerdem sollen drei Milliarden Bäume gepflanzt werden.

Was ändert sich für Verbraucher? Der erhobene Zeigefinger ist deutlich spürbar. Die Europäer sollen ihre Ernährung grundlegend überdenken. Dafür ist unter anderem ein Tierwohllabel im Gespräch. Das Label soll deutlich machen, wie ein Tier gehalten wurde und welche Transportwege mit dem entsprechenden Lebensmittel einhergehen. Außerdem soll ausgewogener gegessen werden, mit einem geringeren Fleischanteil. „Die Pläne sind ehrgeizig, aber wir sollten bedenken, dass 50 Prozent der Europäer übergewichtig sind und zehn Prozent sich nicht täglich eine vollwertige Mahlzeit leisten können“, sagt Sabine Jüllicher, Generaldirektorin für Gesundheit und Lebensmittel bei der Europäischen Kommission.

Sind gesunde Lebensmittel damit leichter zu finden? EU-weit soll es bald auf allen Lebensmittelverpackungen einheitliche Nährwertlogos geben. Dabei werde die EU-Kommission auf Systeme aufbauen, die es bereits gibt, wie das Ampelsystem Nutriscore, das auch in Deutschland auf freiwilliger Basis bereits zum Einsatz kommt. Zudem will Brüssel einen besonderen Fokus auf die Fleischproduktion legen. Der Fleischkonsum habe einen großen Einfluss auf die Umwelt und solle gesenkt werden. Die Umweltorganisation Greenpeace begrüßt diesen Schritt: „Dass die Produktion und der Verzehr von zu viel Fleisch der Gesundheit schadet, die Natur zerstört und den Klimakollaps vorantreibt, ist lange bekannt“.

Wird es weiter genug Lebensmittel geben? Zu Anfang der Corona-Krise kam es immer wieder zu Hamsterkäufen. Die Kommission ist der Ansicht, dass eine nachhaltigere Lebensmittelerzeugung weniger krisenanfällig ist. Aus diesem Grund soll der Anbau und der Vertrieb regionaler Lebensmittel einen größeren Anteil bekommen. Zudem soll die Lebensmittelverschwendung eingeschränkt werden, unter anderem mit einer Aufklärungskampagne zur Handhabung des Mindesthaltbarkeitsdatums und zu Einkaufsgewohnheiten.

Wie wird die Strategie umgesetzt? Die EU-Kommission will mit den Mitgliedstaaten in einen „strukturierten Dialog“ treten. Die Staaten sollen Wege aufzeigen, die geeignet sind, die Ziele in der EU insgesamt zu erreichen. Das heißt beispielsweise, dass nicht jeder Mitgliedstaat 2030 einen Ökoanteil von 25 Prozent an der Agrarfläche ausweisen oder den Pflanzenschutz um 50 Prozent verringert haben muss. Bis 2023 wird überprüft, ob das ausreicht oder ob zusätzliche Maßnahmen erforderlich sind. Die Vorstellung der Strategie fällt in eine Zeit, in der die europäische Ernährungssicherung eine große Rolle spielt“, bewertet Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner die Pläne. Die Vorschläge seien sehr ambitioniert. Die Landwirte könnten sie nur erreichen, wenn sie auch finanziell unterstützt würden.

Was kostet die Strategie? Die Kommission schätzt die Kosten auf 20 Milliarden Euro pro Jahr, die EU, Mitgliedsstaaten und privater Sektor aufbringen müssten. Gegen den Umbau der Landwirtschaft regt sich nun Widerstand bei Europas Konservativen: „Ich hätte mir gewünscht, dass sich die Kommission mehr Zeit genommen hätte für entscheidende Folgenabschätzungen und die Frage der langfristigen Versorgungssicherheit. Das Papier ist mehr Stückwerk als Strategie“, urteilt etwa der Vorsitzende des Agrarausschusses im EU-Parlament, Norbert Lins (CDU).
© Südwest Presse 29.05.2020 07:45
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