Interview

„Keine Patentlösung“

  • Udo Hemmerling, Vize-Generalsekretär beim Deutschen Bauernverband. Foto: Gero Breloer/DBV
Die EU will, dass die Landwirte nachhaltiger produzieren, doch das Wie stößt bei Udo Hemmerling, stellvertretender Generalsekretär beim Deutschen Bauernverband, auf Widerstand.

Sind die in der Strategie gesetzten Ziele erreichbar?

Udo Hemmerling: Skepsis ist angebracht. Die Ziele sind erreichbar, wenn von Handel, Verbrauchern und Staat mehr Geld für die Produktion der Lebensmittel bei den Landwirten ankommt und Zusatzleistungen für Umweltschutz und Tierwohl vergütet werden. Damit sich das realisiert, ist auch eine geänderte Handelspolitik nötig. Agrarimporte von außerhalb der EU müssen die gleichen Standards erfüllen.

Wie sollte die finanzielle Unterstützung aussehen?

Die EU hat die Strategie nicht finanziell unterlegt, eventuell kommen einige Gelder aus dem neuen EU-Fonds „Nächste Generation“. Die Landwirte befürchten, dass sie auf den Kosten für höhere EU-Standards sitzenbleiben. Eine Umverteilung der bisherigen Agrarzahlungen für Umweltzwecke hat auch ihre Grenzen, weil es sich auf die ohnehin niedrigen Einkommen in der Landwirtschaft auswirken würde.

Ist die Ernährungssicherheit mit der Strategie sichergestellt?

Es müssen mehr junge Leute motiviert werden, den Beruf Landwirt zu wählen. Ein Drittel der Betriebsleiter ist heute über 55 Jahre alt. Leider fehlt das Thema Berufsnachwuchs in der Strategie. Eine Umstellung auf Ökolandbau oder Regionalvermarktung ist keine Patentlösung. Eine Aufgabe der landwirtschaftlichen Erzeugung ist ein großes Risiko, dann wäre Europa abhängig von anderen Kontinenten.

Wie können Lebensmittel nachhaltiger produziert werden?

Die Landwirte brauchen Bezahlsysteme für höhere Standards. Das ist heute kartellrechtlich oft verboten, und die EU will hier die Regeln lockern. In Deutschland machen wir gute Erfahrungen mit der „Initiative Tierwohl“. Wichtig ist auch die Erkenntnis, dass Labels allein nicht reichen.

Wird mit Farm-to-Fork ein Übergang zu einem neuen Lebensmittelsystem gefördert?

Die Strategie zielt darauf ab, dass die EU im globalen Maßstab vorangeht. Wirklich global gedacht ist sie nicht. In der Klimapolitik wird über einen neuen Grenzausgleich im internationalen Handel diskutiert, vergleichbares ist auch bei Lebensmitteln nötig. Sonst wird die hiesige Landwirtschaft durch Dumpingimporte unterlaufen. Nina Jeglinski
© Südwest Presse 29.05.2020 07:45
341 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy