Stellvertreterkrieg eskaliert

Die Gefechte zwischen den von der Türkei und den von Russland gestützten Kräften verschärfen sich.
Noch kürzlich schien die Offensive des Kriegsfürsten Chalifa Haftar gegen Tripolis einem Erfolg nahe. Seine Kämpfer standen in den Vororten der libyschen Hauptstadt, die Kapitulation der international anerkannten „Regierung der Nationalen Übereinkunft“ (GNA) und ihrer Verteidiger schien nur noch eine Frage der Zeit.

Mit dem Eintritt der Türkei in den libyschen Bürgerkrieg jedoch hat sich die militärische Lage dramatisch gewandelt. Haftars so genannte „Libysche Nationalarmee“ (LNA) musste eine Serie empfindlicher Rückschläge einstecken. Zunächst büßte sie westlich von Tripolis entlang der Küste sämtliche Stützpunkte ein. Dann verlor sie den strategisch wichtigen Fliegerhorst Al-Watiyah in der Nähe der Grenze zu Tunesien, von dem die meisten Angriffe auf Tripolis geflogen worden waren. Am Wochenende nun ließen plötzlich auch die 1200 an Haftars Seite kämpfenden russischen Söldner der Wagner-Armee die Front im Stich, die bislang das Rückgrat der LNA-Streitkräfte bildeten. Diesen Triumph der Türkei aber werden die internationalen Verbündeten des 76-jährigen Kriegsherrn, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und Russland, wohl nicht auf sich sitzen lassen. Die Emirate flogen in den letzten Tagen große Mengen neuer Waffen ein. Russland verlegte ein gutes Dutzend moderner Kampfflugzeuge von Syrien nach Libyen. Haftars Sprecher Ahmed Al-Mismari polterte, man werde „Erdogans Projekt in Libyen in wenigen Tage beenden“.

Für die amtierende UN-Sondergesandte Stephanie Williams ist der libysche Bürgerkrieg damit an einem brisanten Wendepunkt angekommen und könnte in „einen echten Stellvertreterkrieg“ münden. Alle ausländischen Alliierten der libyschen Kriegsparteien setzten nur noch auf militärische Lieferungen, das Embargo der Vereinten Nationen werde in dreister Weise ignoriert. Man beobachte eine Aufrüstung mit immer ausgefeilteren und tödlicheren Waffen.

Dennoch gibt es auch Signale, dass die ausländischen Widersacher es am Ende doch nicht zum großen Showdown kommen lassen und Libyen stattdessen in feste Einflusszonen aufteilen wollen. So halten sich in Kairo hartnäckig Gerüchte, die Emirate und Ägypten suchten nach einer Alternative zu dem altersstarren General Haftar. Niemand setze mehr auf ihn, zitierte das ägyptische Online-Portal Mada Masr libysche und ägyptische Quellen. Unklar ist auch, ob die nach Libyen verlegten russischen Kampfjets tatsächlich in die Kämpfe eingreifen oder vor allem der Türkei signalisieren sollen, ihre Militäroperationen zurückzuschrauben und mit der Regierung in Moskau nach einer Verhandlungslösung zu suchen. Martin Gehlen
© Südwest Presse 29.05.2020 07:45
272 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy