Die zweite Welle verhindern

Studenten und Absolventen helfen in den Gesundheitsämtern im Land. In Esslingen hätte man sie früher gebraucht, um Infektionsketten nachzuverfolgen.
  • Die drei RKI-Scouts am Gesundheitsamt Esslingen (v.l.): Julia-Marie Sohn, Simon Schmid und Miriam Dietrich. Foto: Gesundheitsamt Esslingen
Studenten helfen an den Gesundheitsämtern als Containment Scouts bei der Eindämmung des Coronavirus. Ein Vollzeit-Job: 2300 brutto, Entgeltgruppe 3. Ausgesucht vom Robert-Koch-Institut (RKI) und bezahlt vom Bund, werden die Scouts je nach Bedarf zur Unterstützung verteilt. Allerdings seien die Helfer reichlich spät gekommen, sagt Dominique Scheuermann, die Amtsleiterin in Esslingen. Nämlich erst Ende April, als die erste Infektionswelle schon wieder abgeflacht sei.

Scheuermann sagt, sie habe dem RKI mitgeteilt: „Ich nehme so viele Scouts, wie ich kriegen kann.“ Drei hat sie bekommen. Am Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg mit Sitz in Stuttgart sind es zwei. Scheuermann ist dankbar für ihre Helfer, sagt aber auch: „Das geht alles zu langsam.“

Der Landkreis Esslingen verzeichnet 1864 Corona-Fälle (Stand 28. Mai). Eine hohe Zahl im landesweiten Vergleich, aber „nichts gegen die Infektionswelle vor einigen Wochen“, sagt die Leiterin. Da hätten sie am Gesundheitsamt anfangs zu zwölft daran gearbeitet, das Virus einzudämmen und die Infektionsketten nachzuverfolgen – teilweise von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr.

„Wir hätten die Scouts gerne früher gehabt“, sagt Scheuermann. Die jungen Helfer hätten meist im Bereich Gesundheit, Biologie oder Medizin studiert. „Wir sind richtig dankbar und froh über Fachlichkeit und Ahnung.“

Scheuermann lobt jedoch alle, die zu Beginn geholfen haben – Mitarbeiter aus dem Landratsamt und Kreisärzte, die sofort eingesprungen seien, um Kontaktpersonen zu ermitteln. Vor den Beschränkungen seien positiv Getestete teilweise auf Geburtstagen, in der Disko, bei der Oma gewesen. „Anfangs hatte eine Person bis zu 50 Kontakte.“ Alle mussten gefunden und angerufen werden. Als Kontaktperson gelten alle, die bis zu 48 Stunden bevor ein Infizierter dem Gesundheitsamt Symptome meldet in direktem Kontakt mit ihm standen.

Jetzt seien es deutlich weniger, außer dem eigenen Haushalt meist zwei bis fünf weitere Personen. Aber: Die wenigsten stünden heute im Telefonbuch. Manche hätten sie über Online-Plattformen wie „Linked In“ erreicht.

Infizierte müssten dann ein Formular mit allen Kontaktpersonen ausfüllen; später ruft nochmal ein Fallermittler an und bespricht alles genau. Das funktioniere, basiere jedoch auf Vertrauen. „Manche erinnern sich nicht gleich an alle und brauchen Zeit.“

Sie ordnen Quarantäne an

Nach wie vor gebe viel zu tun, um zu verhindern, dass die Zahlen wieder steigen, sagt Scheuermann. Über jede Hilfe ist sie froh. Mit dem 26 Jahre alten Simon Schmid habe das Amt es geschafft, flächendeckend Pflege- und Altenheime zu testen.

Schmid, seit kurzem Bachelor der Gesundheitspflege, ist stolz: „In den letzten drei Wochen haben wir alle 68 Pflege- und Altenheime im Landkreis flächendeckend getestet und die Daten erfasst.“

Seine Aufgabe war es, persönliche Daten der mehr als 4500 Bewohner zu sammeln und aufzulisten, auch die des Personals. Zudem hielt er fest, wer sich freiwillig testen ließ, wer infiziert ist, wer Symptome hat. Überraschungen habe es bei den Ergebnissen aus den Heimen glücklicherweise nicht gegeben.

Ein weiterer Scout ist Julia-Marie Sohn. Sie ist 27 Jahre alt, hat einen Master in Gesundheitspädagogik und schickt infizierte Menschen in die Quarantäne, entlässt Genesene – am Telefon oder per Mail. Dabei hilft ihr Miriam Dietrich, die ihren Bachelor in Prävention und Gesundheitsförderung gerade abgeschlossen hat. Eine Quarantäne kann nämlich weder vom Testlabor noch vom Hausarzt angeordnet werden, sondern nur von Gesundheitsamt und Ortspolizeibehörde.

Im Umgang mit den Menschen, die sie in Quarantäne schickt oder aus der Isolation entlässt, helfe ihr ihr Studium, sagt Sohn. Im Telefonkontakt spiele es eine Rolle, wie man auf die Menschen eingeht, wie man ein positives Testergebnis vermittelt.

Die meisten wüssten jedoch bereits vom Hausarzt, dass sie positiv sind, sagt Sohn. „Oft haben die Menschen dann Redebedarf und Fragen, sind froh über einen Ansprechpartner.“ Eine Tracing-App könne die persönliche Kontaktaufnahme also nicht ersetzen. Auch die Amtsleiterin Scheuermann ist skeptisch: Die Daten müssten trotzdem ins System und genügend Personen müssten die Corona-App nutzen. Viele Ältere besäßen außerdem gar kein Smartphone.

Die Gründe für die Bewerbung als Scout sind bei den drei Helfern ähnlich. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt sei in der Corona-Krise nicht gut, Arbeitserfahrung immer wichtiger und „man arbeitet fürs Allgemeinwohl“, sagt Schmid. Sie alle wollten helfen, eine zweite Infektionswelle zu verhindern.
© Südwest Presse 29.05.2020 07:45
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