So wichtig wie Flugzeuge

Start- und Landerechte sind für Airlines essenziell. In den USA können Slots Millionen kosten, in Europa werden sie nur getauscht.
  • Eine stillgelegte Passagiermaschine der Lufthansa steht auf dem Flughafen Frankfurt. Foto: Boris Roessler/dpa
Die Entscheidung des Lufthansa-Aufsichtsrats, wegen möglicher Auflagen aus Brüssel das milliardenschwere Rettungspaket der Bundesregierung vorerst nicht anzunehmen, hat ein geteiltes Echo hervorgerufen. Der Vorsitzende der Monopolkommission, Achim Wambach, rief das Lufthansa-Management zum Einlenken auf. „Es ist gut nachzuvollziehen, dass die EU-Kommission darüber nachdenkt, dass die Lufthansa Start- und Landerechte im Zuge des Rettungspaktes in Deutschland abgeben soll, damit der Markt wettbewerblicher wird“, sagte Wambach dem „Focus“. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hingegen forderte die Gleichbehandlung der Lufthansa mit anderen strauchelnden Fluggesellschaften.

Ende 2017 gab es schon einmal heftige Diskussionen zwischen der Lufthansa und der EU-Kommission. Auch damals debattierten Lufthansa-Chef Carsten Spohr und EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager. Es ging um die Start- und Landerechte – die sogenannten Slots oder Zeitnischen – die mit der Übernahme der insolventen Air Berlin durch die Lufthansa verbunden waren. Vestager befürchtete dadurch eine zu große Marktmacht der Airline in Deutschland. Am Ende versagte die Kommissarin die komplette Übernahme.

Jetzt stellt sie sich der Lufthansa, genauer gesagt der Staatshilfe, in den Weg. Sie fordert dem Vernehmen nach die Reduzierung der Flotte von Lufthansa an ihren wichtigsten Flughäfen und Frankfurt und München um insgesamt 12 Maschinen und damit die Abgabe von rund 100 Slots. Für Spohr und die Beschäftigten des Unternehmens eine nicht hinnehmbare Auflage. Das Geschäft würde dramatisch beschnitten, die Einbußen wären hoch.

Slots sind für Fluggesellschaften faktisch genauso wichtig wie ihre Flugzeuge. Ohne Start- und Landerechte gibt es logischerweise keine Starts und Landungen. Und das ist gerade an großen Drehkreuzen wie Frankfurt oder München hoch bedeutsam. Thomas Jarzombek, Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt, nennt sie für die Lufthansa essenziell. Aber Slots sind natürlich auch bei Billigfliegern begehrt. Ryanair und Easyjet sind in München noch nicht vertreten.

Eigentlich hat die EU mit der Vergabe der Slots direkt nichts zu tun. Sie hat sie auf die Mitgliedsstaaten übertragen. In Deutschland ist die bundeseigene Fluko Flughafenkoordination in Frankfurt zuständig. Sie wacht über die Vergabe von 2,1 Mio. Slots an den 16 internationalen Flughäfen. Für jeden Flughafen gibt es eine festgelegte Anzahl von Slots. In Frankfurt liegt dieser sogenannte Koordinierungseckwert bei 104 Flugbewegungen pro Stunde.

Die Flughäfen legen jährlich jeweils für für den Sommer- und Winterflugplan die Anzahl der Slots fest. International wird dies dann jeweils im Juni und November auf großen Konferenzen endgültig festgelegt. Fluggesellschaften behalten bereits zugeteilte Slots, sofern sie diese zu mindestens 80 Prozent nutzen.

Schon immer aber gibt es ein Ringen zwischen den Airlines um die Vergabe neuer oder verfallener Start- und Landerechte. In den USA werden sie in normalen Zeiten gehandelt, zu Preisen von mehreren Millionen Dollar. In der EU ist lediglich ein Tausch möglich oder die Übertragung innerhalb eines Luftfahrt-Konzerns – es sei denn die Wettbewerbskommissarin mischt sich ein.

Slot ist freilich nicht gleich Slot. Manche sind heiß begehrt. Gefragt sind vor allem die Zeitnischen etwa in den Morgenstunden in Frankfurt für Landungen von Jets aus Europa, aber auch aus Asien mit Passagieren, die am Mittag auf Flüge nach Nordamerika umsteigen. Lufthansa zählt dabei traditionell tausende Fluggäste aus Indien auf dem Weg in die USA oder nach Kanada. Ebenso wichtig sind die Zubringerflüge in den Abendstunden für Langstreckenverbindungen nach Asien und Afrika.
© Südwest Presse 29.05.2020 07:45
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