Juli Zeh „Fragen zu Corpus Delicti“

Lektürehilfe für die Corona-Krise

Juli Zeh erklärt ihren 2009 erschienen Roman „Corpus Delicti“ – der plötzlich wieder hochaktuell ist.
  • Schriftstellerin und Juristin: Juli Zeh. Foto: Soeren Stache/dpa
  • : Fragen zu Corpus Delicti. Btb Verlag, 240 Seiten, 8 Euro. Foto: Random House
„Wann wird der Begriff der ,Gesundheitsdiktatur' von der Polemik zur Zustandsbeschreibung?“ Mit dieser Frage wird derzeit das neue Buch von Juli Zeh „Fragen zu Corpus Delicti“ beworben. Da die 45-jährige Juristin in den vergangenen Wochen in einem Interview mit der „Süddeutschen“ und in einem Gastbeitrag für den „Spiegel“ die Corona-Politik der Bundesregierung kritisiert hat, liegt die Frage nahe: Hat Zeh daraus im Schnelldurchlauf ein Buch gemacht? Tatsächlich fällt das Wort „Corona“ darin kein einziges Mal, es wurde wohl vor der Pandemie fertig. Trotzdem – wer Zehs 2009 erschienene Dystopie „Corpus Delicti“ kennt, die sie in ihrer neuen Publikation nun selbst erläutert, kommt nicht umhin, die Neuveröffentlichung mit dem Zeitgeschehen in Verbindung zu bringen. Die Verlagsgruppe Random House nimmt diese ungeplante Werbung offenbar dankend an.

Dabei macht Zeh eigentlich nur das, was der Titel verspricht: Sie beantwortet Fragen zu „Corpus Delicti“. Der Roman zählt zu Zehs erfolgreichsten Werken und steht in mehreren Bundesländern auf dem Lehrplan. „Fragen zu Corpus Delicti“ ist eine Mischung aus Lektürehilfe und Werkstattgespräch.

„Corpus Delicti“ gehört zur Gattung der Dystopie: Zeh entwirft eine Bundesrepublik der Zukunft, in der es so gut wie keine Krankheiten mehr gibt. Der Grund: Die Bürger halten Hygieneregeln ein, treiben staatlich vorgeschriebenen Sport, verzichten auf Alkohol und Tabak, tragen einen Chip unter der Haut. Alles gehorcht den als unfehlbar geltenden wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Hauptfigur Mia Holl beginnt zu rebellieren, als ihr Bruder aufgrund eines falschen DNA-Tests verurteilt wird.

Im Kern geht es um die Frage: Was passiert, wenn eine Demokratie ihre Freiheit zugunsten von Sicherheit aufgibt? Als Zeh den Text 2007 in einer Theaterfassung für das Kunstfestival Ruhrtriennale schrieb, hatte sie keine Pandemie, sondern die Folgen der Anschläge vom 11. September im Hinterkopf. Angst vor weiteren Attentaten bestimmte den Diskurs, Freiheitsrechte wurden weltweit zugunsten von Prävention beschnitten. Für Zeh ein Wendepunkt ihres Demokratieverständnisses, wie sie in der Erläuterung des Romans schreibt: „Dass unsere Verfassung die Grundfreiheiten und nicht die Grundsicherheiten der Bürger schützt – geschenkt.“

Wie sehr darf eine Demokratie Freiheit zugunsten von Sicherheit einschränken? Diese Frage ist in der Corona-Krise virulent wie nie. Deswegen gehören sowohl „Corpus Delicti“ als auch die von Zeh beantworteten „Fragen“ zum Kanon der Stunde.

Trotzdem darf der Leser nie vergessen, dass eine Pandemie zum Zeitpunkt von Zehs Schreiben keine Realität war – und doch in der Lektürehilfe schon mitgedacht wird: „Regulierung, die das Privatleben betrifft, muss auf unvermeidliche Fälle wie den Schutz vor akuten Seuchen vorbehalten bleiben.“ Jana Zahner
© Südwest Presse 05.06.2020 07:45
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