Neues Album von Run the Jewels

Das andere Amerika zeigt seine Wut

Die richtige Antwort auf Minneapolis: Das Duo Run the Jewels bezieht auf seinem vierten Album Stellung gegen Rassismus und Polizeigewalt. Rapper Killer Mike ist eines der Gesichter der aktuellen Proteste.
  • Run the Jewels alias El-P (links) und Killer Mike haben ihr neues Album vorzeitig veröffentlicht. Foto: Daniel Deslover/ZUMA Wire/dpa
Es lag in der Luft, lange vor Minneapolis. Auf dem Track „Walking In The Snow“ – entstanden noch vor dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz – heißt es: „Und jeden Tag flößen sie dir in den Abendnachrichten gratis Angst ein / Und du bist so abgestumpft, dass du dem Polizisten dabei zuguckst / Wie er einen Mann wie mich erdrosselt / Bis meine Stimme von einem Schrei zu einem geflüsterten ,Ich kann nicht atmen‘ wird.“ Killer Mike beschreibt auf dem Album „RTJ4“ von Run the Jewels vorweg die Szene, die sich in Minneapolis dann abspielte.

Run the Jewels – das sind die Rapper Killer Mike und El-P – haben die ursprünglich für diesen Freitag geplante Veröffentlichung ihres vierten Studioalbums vorgezogen, seit Mittwoch ist es bei Streaming-Diensten verfügbar, es kann auf der Webseite des Duos kostenlos oder gegen Spenden heruntergeladen werden. Alle Einnahmen sollen denjenigen zugute kommen, die in den USA gegen Rassismus und für sozialen Wandel demonstrieren. „Scheiß drauf, warum warten. Die Welt ist verseucht mit Schwachsinn, deshalb hier etwas Raues zum Zuhören, während ihr euch mit all dem beschäftigt“, schrieben die Musiker. „Wir hoffen, es bringt euch etwas Freude.“ Was im Fall von Run the Jewels natürlich nicht Ablenkung bedeutet, sondern Motivation.

Die beiden Rapper machen seit ihrem Erstlingswerk von 2013 Erwachsenen-Hip-Hop mit intensiven Beats und Texten, die teils düster sind, aber auch Humor haben. Sie schrecken nicht vor den genretypischen Provokationen und Übertreibungen zurück. Killer Mike und El-P nehmen sich dabei zwar selbst nicht immer bierernst, liefern aber ernsthafte Texte, die sich gegen Rassismus, Polizeigewalt und hohlen Kommerz richten.

Killer Mike war ein prominenter Unterstützer des linksgerichteten ehemaligen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, Bernie Sanders. Als sich die Proteste wegen des gewaltsamen Todes von George Floyd von Minneapolis im Norden der USA bis in seine Heimatstadt Atlanta in den Südstaaten ausgebreitet hatten, trat er vor die Kameras. In einer emotionalen Ansprache, teils mit tränenerstickter Stimme, sagte er: „Ich bin rasend vor Wut! Ich wachte gestern auf und wollte die Welt niederbrennen sehen. Ich bin es leid, schwarze Männer sterben zu sehen.“

Aber der Sohn eines Polizisten aus Atlanta sagte auch an die wütenden Demonstranten gerichtet: „Es ist meine Pflicht hier zu sein, einfach um zu sagen, dass es eure Pflicht ist, nicht euer eigenes Haus niederzubrennen, aus Wut gegenüber einem Feind.“ Das Video, in dem Killer Mike wie eine wortgewaltige Galionsfigur einer neuentfachten Bürgerrechtsbewegung wirkt, ging viral – war zeitweilig sogar das meistgesehene Video auf BBC News. Viele Musiker haben sich in den vergangenen Tagen geäußert, ihrem Entsetzen und ihrer Wut Luft gemacht, die Worte Killer Mikes stechen aber heraus.

Auf „RTJ4“ hat passenderweise auch Zack de la Rocha einen Gastauftritt auf dem Titel „Ju$t“. Er ist der Frontmann von Rage Against the Machine. Deren erste Single „Killing in the Name“ von 1992 war von einem Vorfall inspiriert, bei dem mehrere weiße Polizisten den Schwarzen Rodney King mit Schlagstöcken auf offener Straße zusammenschlugen. Ein Video dieses brutalen Übergriffs führte seinerzeit zu schweren Unruhen. Fast 30 Jahre später scheinen die USA nicht viel weiter zu sein.

Das musikalische Erfolgsrezept von Run the Juwels sind treibende Bässe. Bestes Beispiel ist die vorab veröffentlichte Album-Auskopplung „Ooh LA LA“. Dafür wurde ein aufwendiges Video mit de la Rocha gedreht. Killer Mike und El-P rappen auf einer Straße, die an die Wall Street erinnert und auf der Chaos herrscht. Sie sind von einer Menge umringt, die um Haufen brennender Dollar-Scheine tanzt. Dyfed Loesche
© Südwest Presse 05.06.2020 07:45
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