Leitartikel Elisabeth Zoll zum Umgang mit alten Menschen

Gefährliches Denken

  • Elisabeth Zoll Foto: Volkmar Könneke
  • Einsperren zum Eigenschutz? In der Corona-Pandemie stellen sich viele ethische Grenzfragen. Vor allem die Isolation sterbender Menschen wirft Fragen auf. Foto: Werner Krueper/epd
Der Neustart ist schwieriger als gedacht: Die Wirtschaft stottert, in den Schulen beginnt der Unterricht nur zögerlich, wiedergewonnene Freiheiten der Bürger stehen unter Vorbehalt. Auch wenn Bilder voller Ostsee- und Nordseestrände einen anderen Eindruck vermitteln: von „Normalität“ ist das Land noch lange entfernt, mindestens die vielen Monate bis ein Impfstoff gegen das neue Virus entwickelt und für alle verfügbar ist.

In diesem Zeitraum gelten Einschränkungen. Für alle oder vor allem für den Teil der Gesellschaft, der bedroht und verletzlich ist? Kinder wurden zu Hause eingesperrt – und alte Menschen. Weil diese als besonders gefährdet gelten, sollten Ältere auf Kontakte verzichten. Bewohner von Pflegeheimen wurden für Wochen isoliert, weil das Gefahren für ihr Leben minderte. Gestorben wurde dort trotzdem, in Italien und Spanien massenhaft. Allerdings zumeist allein, unter Ausschluss der Familie. Es wird zu diskutieren sein, was für den Lebensschutz wichtig, was für die Würde zum Beispiel eines sterbenden Menschen aber ebenso unverzichtbar ist.

Mit der Pandemie hat sich gruppenspezifisches Denken und Ordnen breit gemacht. Um Jüngere zu unterstützen, sollten alte Menschen weiter verzichten, lautet eine Forderung aus der Gesellschaft. Das sei der neue Deal unter den Generationen. Aus Eigenschutz und Verantwortung üben viele Ältere oder gesundheitlich Angeschlagene freiwillig Zurückhaltung. Doch in welchem Maß dürfen sie zu Sonderopfern gezwungen werden? Dürfen ihnen im Zweifelsfall gar Leistungen aus dem Gesundheitssystem vorenthalten werden, weil diese für Patienten mit einer zeitlich längeren Lebensprognose dringender gebraucht werden?

In Italien mussten Ärzte im Triage-Verfahren darüber entscheiden. Medizinern in Deutschland ist diese Überlegung erspart geblieben. Die Beatmungskapazitäten waren zu keinem Zeitpunkt erschöpft. Und doch ist mit der Bedrohung der vergangenen Monaten eine mögliche Selektion im Gesundheitssystem gefährlich näher gerückt. Gibt es Leben, das vorrangig geschützt werden muss, das damit mehr Wert hat als anderes?

Schon bei der Verteilung der eines Tages entwickelten Impfstoffe, wird diese Frage erneut erscheinen. Werden die Fitten zuerst geimpft oder die Bedrohten? Erhalten zunächst Zahlungskräftige das kostbare Gut oder wird es sofort der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt? Profitiert erst die reiche nördliche Welt oder zeitgleich auch der Süden?

Möglichkeiten zur Aufspaltung gibt es genug. Das ist das gefährliche an der Selektion. Sie kann heute Alte treffen, morgen wirtschaftlich Schwache, übermorgen andere Randgruppen. Mit dem Kerngedanken unseres Grundgesetzes, aber auch mit den Grundüberzeugungen der Väter Europas hat die Einteilung nichts zu tun. Die Humanität eines Landes bemisst sich nach der tatsächlichen Gleichheit aller Menschen. Deshalb geht es nur mit alten und schwachen Menschen. Diese Grundfeste unserer Gesellschaft zu schützen, ist zentrale Aufgabe über die Zeit von Corona hinaus.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 05.06.2020 07:45
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