Erste Zeichen der Erholung

Nach der tiefsten Rezession seit 90 Jahren ist die Arbeitslosenquote überraschend gesunken. Dennoch halten Experten ein weiteres Hilspaket für notwendig.
  • Vor allem in der Tourismusbranche drohen die Lichter auszugehen. Foto: Mario Tama/Getty Images/afp
Das Coronavirus hat die US-Wirtschaft in die tiefste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise vor 90 Jahren gestürzt. Zehn Wochen nach dem Ausbruch der Pandemie sind nun erste Zeichen einer allmählichen Erholung zu sehen. Zum einen könnte sich der Aderlass am Arbeitsmarkt dem Ende zuneigen. Auch haben sich die Aussichten in der Industrie ein wenig aufgehellt, wenn auch auf niedrigem Niveau. Konzernlenker und Politiker liebäugeln mit neuen Ansätzen, um der stark angeschlagenen Tourismusindustrie neues Leben einzuhauchen.

Seit Mitte März haben mehr als 40 Mio. Amerikaner ihren Arbeitsplatz verloren. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen und anderer Notmaßnahmen haben einige Branchen, etwa das Gastgewerbe, die Flug- und Autoindustrie sowie die Freizeitbranche tiefe Einbrüche erlitten. Dass die weltgrößte Volkswirtschaft weiter Federn lassen wird, unterstreichen die aktualisierten Prognosen des unabhängigen Congressional Budget Office (CBO). Die Behörde erwartet, dass von April bis Juni das aufs Jahr hochgerechnete Bruttoinlandsprodukt (BIP) um fast 40 Prozent schrumpfen wird. Einigermaßen ermutigend ist, dass die Arbeitslosenquote im Mai überraschend von 14,7 auf 13,3 Prozent zurückging. Erwartet hatten Ökonomen einen Anstieg auf fast 20 Prozent. Das Arbeitsministerium räumte aber ein, dass durch „fehlerhafte Klassifizierungen“ einzelner Personengruppen bei der Statistik Fehler unterliefen und die Erwerbslosenquote im Vormonat womöglich über 16 Prozent lag.

Besonders hart hat die Rezession den Fremdenverkehr getroffen. Roger Dow, Vorsitzender des Tourismusverbandes United States Travel Association (USTA), zeichnet ein düsteres Bild. „Unsere Wirtschaft befindet sich in einer Rezession, doch die Tourismusindustrie steckt längst in einer Depression“ sagt er. Einige Hotelketten ebenso wie Fluggesellschaften könnten vor dem Aus stehen. Die USTA fordert, dass jeder, der sich in der Pandemie aus den eigenen vier Wänden traut und Amerika bereist, bis zu 4000 Dollar an Hotel-, Flug- Benzinkosten ebenso wie andere Aufwendungen von der Steuer absetzen kann. Abgeneigt sind Präsident Donald Trump und führende Parlamentarier gegenüber einem solchen Gesetz keineswegs. Trump hatte kürzlich die Möglichkeit einer „Erforsche Amerika“-Steuergutschrift angesprochen.

Unabhängig davon sind gleichwohl einige Lichtblicke für die Gesamtwirtschaft auszumachen. So haben Konjunkturprogramme im Wert von insgesamt mehr als 3 Billionen Dollar die Finanzlage der Konsumenten verbessert, deren Einkommen als Folge der staatlichen Direktzahlungen im April um stattliche 11 Prozent stiegen. Auch haben Kredite für Klein- und Mittelbetriebe, die nicht zurückgezahlt werden müssen, viele Firmen vor dem Untergang bewahrt. Nicht zuletzt haben massive Anleihenkäufe durch die Notenbank die Liquiditätslage der Banken und Unternehmen verbessert.

Nun scheinen die Konjunkturberichte zu belegen, dass es langsam wieder bergauf gehen könnte. Schließlich waren im April mehr als 20 Mio. Jobs abgebaut worden, im Mai wiederum trotz des fehlerbehafteten Arbeitsmarktberichts offenbar viele neue Stellen geschaffen worden. Andere Berichte, etwa des Forschungsinstituts IHS Markit, deuten darauf hin, dass sowohl die Industrie als auch Dienstleister nach wie vor im Tal stecken, die Aussichten im Mai sich aber gegenüber April verbessert haben.

Hoffnung lässt auch die Aussicht auf ein weiteres Konjunkturpaket aufkommen, welches das Loch im Staatshaushalt weiter aufreißen würde, nach Ansicht der meisten Experten aber notwendig ist. Obwohl Trump ein weiteres Hilfspaket zunächst abgelehnt hatte, plädiert er jetzt dafür. Angesichts seiner schwachen Umfragewerte fünf Monate vor der Wahl will er nämlich alle Register ziehen. dpa
© Südwest Presse 09.06.2020 07:45
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