Dash-Cam

Die Schuldfrage klären

Die Kameras, die Unfälle filmen, sind effektiv, aber umstritten. Ein Start-up hat eine Lösung für Radfahrer entwickelt.
  • Die Dash-Cam wird am Sattel befestigt. Sie filmt die Fahrt, speichert die Aufnahme aber nur bei einem Regelverstoß. Foto: Aaron Beck
  • Sandro Beck und Lelia König, die Geschäftsführer von Dashfactory. Foto: Eric Kemnitz
Sandro Beck und Lelia König wollen Fahrradfahren sicherer machen und haben eine Kamera entwickelt, die automatisch Unfälle filmt und damit die Beweisführung vor Gericht einfacher machen soll. Ihr Leben als Geschäftsführer des sechsköpfigen Start-ups „Dashfactory“ spielt in Süd- und Ostdeutschland. Ihre Heimat im Zollernalbkreis hat die Faszination fürs Radfahren geweckt, die „tolle Gründerszene“ hat sie nach Jena und Leipzig geführt, wo die Firma sitzt.

„Dashbike“, wie das Gerät heißt, ist derzeit noch in der Entwicklung. Es wird am Sattel montiert. Idealerweise sind es zwei Kameras, die nach vorne und hinten filmen. Im Moment sind Beck und König dank Corona häufig im Zollernalbkreis, in normalen Zeiten verbringen sie mehr Zeit in Jena und Leipzig. „Allerdings sind wir auch im Moment viel unterwegs“, sagt Beck. Ihr Ziel: Kooperationen mit möglichst vielen Städten abzuschließen. Der Grund: Es fehlen bundesweit Daten über den Radverkehr. „Da bietet unsere Dash-Cam Möglichkeiten.“

Auswertung der GPS-Daten

Wie funktioniert das? Dashfactory kann, wenn die Kunden zustimmen, die Daten der Dash-Cams anonym auswerten. Dafür ist ein zweiter Speicher eingebaut, der nicht filmt, aber den GPS-Standort speichert, an dem ein anderer Verkehrsteilnehmer den gesetzlichen Mindestabstand von eineinhalb Metern nicht eingehalten hat. Diese Information erhält die Dash-Cam vom ersten Speicher, der die Fahrt filmt, den Abstand zu den anderen Verkehrsteilnehmern über Sensoren misst und die Aufnahmen dann speichert, wenn die eineinhalb Meter nicht eingehalten werden oder es gar zu einem Unfall kommt. Das Gerät speichert dann die 20 Sekunden vor dem Vorfall dauerhaft. Den Rest der Fahrt allerdings nicht.

Mit den GPS-Daten können Städte lernen, welche Straßen stark frequentiert sind und wo es häufig gefährlich wird. König: „Die Städte möchten die Fahrradwege ausbauen. Diese Auswertungen können ihnen dabei helfen, festzustellen, wo es besonders nötig ist.“

Dass nicht die gesamte Fahrt aufgezeichnet wird, ist entscheidend dafür, dass „Dashbike“ juristisch zulässig sein soll. Denn rechtlich sind Dash-Cams umstritten. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat im Mai 2018 ein möglicherweise richtungsweisendes Urteil gefällt: Aufnahmen einer Dash-Cam verstoßen zwar gegen das Datenschutzrecht, im Einzelfall kann eine Aufnahme aber verwertbar sein. Dieser Eingriff in das Persönlichkeitsrecht muss gegenüber den Interessen des Klägers an der Verwertung der Aufnahmen abgewogen werden.

Kein Problem mit Patent

„Dashbike“ macht sich zu Nutzen, dass eine permanente Aufzeichnung zur Beweissicherung nicht erforderlich ist. Beck und König haben ein rechtliches Gutachten in Auftrag gegeben, das „sehr positiv“ lief. Ein Patent haben sie noch nicht, sind aber optimistisch, dass es bei Fahrrädern keine Probleme geben wird. Schwieriger könnte es bei Dash-Cams für Roller und Motorräder werden, was Dashfactory zur Ausweitung des Angebots anstrebt.

Kurzfristig konzentrieren sich die beiden Geschäftsführer aber voll auf das Radgeschäft, weil sie da die rechtliche Gewissheit haben. Das heißt, so weit die Entwicklung derzeit in Krisenzeiten möglich ist. Corona habe ihren Zeitplan über den Haufen geworfen, die Lieferketten funktionieren nicht, erzählt Beck: „Wir haben extreme Schwierigkeiten, an die benötigten Teile zu kommen.“

Auch Termine vor Ort seien derzeit kompliziert. So hätten sie zwei vielversprechende Gespräche mit einer Versicherung gehabt, der Termin für ein drittes Gespräch musste mehrfach verschoben werden, weil diese keine Kunden empfangen dürften.

Der Austausch mit anderen Gründern kommt im Moment ebenfalls zu kurz. „Die Start-up Events fehlen uns sehr“, sagt König. Bei jeder Veranstaltung würden sie mindestens eine Person kennenlernen, die ihnen weiterhilft. Vor allem, da man in der Gründerszene viel von den Fehlern anderer lernen könne. Außerdem laufe sehr viel über Kontakte, weiß König: „Wenn man jemanden kennt, erhöht das die Chance, einen Termin zu bekommen, enorm.“

Die beiden Gründer bereuen es nicht, in Deutschland produzieren, auch wenn viele Start-ups das europäische Ausland bevorzugen. „Wir sind sehr zufrieden damit, dass wir in Deutschland entwickeln“, sagt König, auch wenn man an chinesische Preise in Europa nicht herankomme. „Aber für uns hat es nicht zur Philosophie gepasst, dort produzieren zu lassen.“
© Südwest Presse 12.06.2020 07:45
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