Kommentar Igor Steinle zum Streit über Statuen aus der Kolonialzeit

Erklären statt zerstören

  • Igor Steinle. Foto: Marc Hörger
In den USA, Großbritannien und Belgien wurden in den vergangenen Tagen Denkmäler von Persönlichkeiten aus der Kolonialzeit beschmutzt und gestürzt. Der Sender HBO hat den Südstaaten-Klassiker „Vom Winde verweht“ zudem aus dem Programm genommen, weil darin ein verzerrtes Bild der Sklavenhaltergesellschaft gezeichnet wird. Was ist davon zu halten?

Die Wut vieler Menschen mit nichtweißer Hautfarbe ist auf jeden Fall verständlich, prägt Rassismus doch auch hierzulande noch immer ihren Alltag. Dennoch sind Forderungen, Denkmäler abzureißen, überall problematisch. Ein undemokratisches und antiliberales Gesellschaftsverständnis liegt ihnen zugrunde: Alles, was nicht dem eigenen Weltbild widerspricht, muss aus der Öffentlichkeit getilgt werden. Ähnliche Stimmen werden regelmäßig laut, wenn es darum geht, ideologisch eigentlich einwandfreie Werke zu boykottieren, deren Urhebern aber Vergehen vorgeworfen werden, wie etwa im Falle Woody Allens.

Würde man diesen Wünschen wirklich nachkommen, wären die Museen dieser Welt auf einen Schlag halbleer und die Musik des Antisemiten Richard Wagner müsste auf den Index. Außerdem müsste man sich bei Taliban und Islamischem Staat entschuldigen, die man dafür kritisiert hatte, antike Statuen abzureißen, die nicht in deren Weltbild passen.

Sinnvoller wäre es, neue Denkmäler zu errichten, die auf die noch heute spürbaren Auswirkungen des Kolonialismus aufmerksam machen. Man sollte auch mehr Schilder anbringen, die bestehende Bauwerke einordnen. So wie es HBO übrigens auch macht: „Vom Winde verweht“ ist bald wieder zu sehen, aber mit Kommentar.
© Südwest Presse 15.06.2020 07:45
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