Interview

„Wichtiger Standortfaktor“

  • Hofft auf Nachahmer: Lukas Siebenkotten. Foto: Mieterbund/dpa
Ein Umdenken findet statt, meint der Präsident des Deutschen Mieterbundes, Lukas Siebenkotten.

Wie viele bezahlbare Wohnungen fehlen in Deutschland?

Lukas Siebenkotten: Nach Einschätzung des Deutschen Mieterbundes fehlen rund eine Million, vor allem bezahlbare Wohnungen in Deutschland, in erster Linie in den Großstädten, Ballungszentren und Universitätsstädten.

Im Zuge der Corona-Krise schnürt der Bund zahlreiche Konjunkturpakete. Sollte der Staat auch Angestelltenwohnungen unterstützen?

Für den Wohnungsmarkt insgesamt – und nicht nur in der Krise – ist es wichtig, dass Unternehmen ihren Angestellten auch wieder Wohnungen zur Verfügung stellen. Gleichzeitig ist es sinnvoll und für viele Unternehmen dringend erforderlich, Wohnungen anzubieten, wenn sie Mitarbeiter gewinnen wollen. Aus unserer Sicht wird die Wohnungsfrage zunehmend ein wichtiger Standortfaktor.

Viele Unternehmen wissen seit Beginn der Corona-Pandemie nicht, wie viele Mitarbeiter sie halten können, sollten Firmen dennoch für Wohnraum für Fachkräfte bauen?

Ja, die Geschichte lehrt, wie wichtig ein großer Bestand an bezahlbarem Wohnraum ist. Ende der 1970er-Jahre gab es in der Bundesrepublik Deutschland rund 450 000 Werkswohnungen. In den Folgejahren wurden diese Wohnungsbestände verkauft. Diese Philosophie vieler Unternehmen, sich nur noch um ihre Kernaufgaben kümmern zu wollen, ist aus heutiger Sicht falsch gewesen. Aber nicht nur die Unternehmen haben sich geirrt, auch die Wissenschaft und Politik gingen noch vor etwa 15 Jahren davon aus, dass Deutschland zu Ende gebaut und Neubau überflüssig sei, und die öffentliche Hand hat große Teile ihrer Wohnungsbestände verkauft.

Wie sollten Firmen aktiv werden, sollte die alte Werkswohnung wiederbelebt werden?

Wir begrüßen, dass Unternehmen überhaupt wieder anfangen, Wohnungen für ihre Mitarbeiter zu bauen. Das ist ein guter Anfang, und wir hoffen, dass gute Beispiele Schule machen und Nachahmer finden. Wichtig ist, dass mit Wirtschaftsunternehmen und Arbeitgebern ein neuer, wichtiger Akteur auf dem Wohnungsmarkt aktiv wird.

Nina Jeglinski
© Südwest Presse 15.06.2020 07:45
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