Wachstum mit Durchblick

Der Fenster- und Türenbauer muss bisher keine Abstriche in Folge der Pandemie machen. Geschäftsführer Stefan Löbich will jetzt den Service stärken.
  • Blick in die Produktion von Weru, der Firmenname ist die Abkürzung von „Willy Eppensteiner Rudersberg“. Foto: Weru GmbH
  • Stefan Löbich, seit einem Jahr Chef der Weru Gruppe mit Stammsitz in Rudersberg, Rems-Murr-Kreis Foto: WERU Foto: WERU
Fast traut sich Stefan Löbich nicht zu sagen, wie gut es der von ihm geführte Weru Gruppe geht. „Wir sind bis jetzt unbeschadet durch die Corona-Krise gekommen, wir sind im Inlandsmarkt auf gleichbleibend hohem Niveau“, berichtet der Manager (56). Er steht seit einem Jahr an der Spitze des Unternehmens mit Sitz in Rudersberg (Rems-Murr-Kreis). Weru ist einer der führenden Fenster- und Türenhersteller in Europa.

Angesichts der positiven Perspektive wundert sich IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Thomas Martin, dass die Geschäftsleitung einen Vorstoß gewagt hat, „mit dem ein Keil in die Belegschaft getrieben wird“. Die Mitarbeiter sollen das Urlaubsgeld stunden. Der Gewerkschafter befürchtet einen völligen Verzicht. „Weru geht es gut, die Auftragslage ist gesichert, im Juni sind sogar Überstunden angesetzt worden“, sagt Martin.

Die meisten der in der IG Metall organisierten Arbeiter lehnen das Ansinnen ab. Daher werden Martin zufolge jetzt Einzelgespräche geführt. Das rufe Erinnerungen an turbulente Zeiten vor zehn Jahren hervor. Das 1843 gegründete Unternehmen hatte damals Arbeitsplätze an den neuen Standort Triptis in Thüringen verlagert. Die IG Metall sah die Zukunft des Stammsitzes in Rudersberg in Gefahr. Doch 60 der 134 Kündigungen wurden zurückgezogen, – weil die Produktion im Osten zu langsam war.

Für die Landtags-SPD war Weru ein Beispiel, „wie Heuschrecken Firmen kaputtmachen können“. 1999 hatte die Beteiligungsgesellschaft Triton Fund (Jersey) Weru übernommen. Der Investor habe das gesunde Unternehmen „zuerst finanziell leer gesaugt, dann die Eigenkapitalquote drastisch gekürzt“.

„Es lief lange Zeit sehr gut“, blickt Gewerkschafter Martin zurück. Daran änderte sich offenbar auch nichts, seit 2013 HIG Europe, ein weltweit agierender Private Equity Fonds, das Ruder übernommen hat. Allerdings sinken seit 2015 Umsatz und Mitarbeiterzahl. Erwirtschaftete die GmbH vor fünf Jahren mit 1350 Beschäftigten über 170 Mio. EUR Umsatz, waren es 2019 mit 1100 Arbeitskräften 160 Mio. EUR. Weru-Geschäftsführer Stefan Löbich trete sehr kompetent auf und sei akzeptiert bei der Belegschaft, sagt Martin, „aber er kann auch ein harter Hund sein“.

Der Weru-Chef setzt weiter auf Produktion im Inland und deutsche Zulieferer: „Das hat sich in der Krise bewährt“, sagt Löbich. Er will den Service stärken, Fachhändler intensiver einbinden, „Made in Germany“ noch mehr betonen.

Obwohl der Marktanteil unter 10 Prozent liegt, giert er nicht nach mehr: „Wir wollen ein gesundes, organisches Wachstum, kein schnelles zu Lasten der Erträge.“ Die Gruppe solle „auf gesunden Beinen stehen“, sagt er, „gute Liquidität“ sei ihm wichtig. An einen Zukauf wie 2014 mit dem Fensterspezialisten Unilux in Salmtal bei Trier (300 Mitarbeiter) denke er derzeit nicht: „Wir konzentrieren uns auf das, was wir können.“

Gemeint ist damit vor allem die Produktion von jährlich 12 000 Türen in Rudersberg und 400 000 Fensterflügeln in Triptis, allesamt Unikate im Premiumbereich. In „Europas modernster Isolierglasfertigung“ und eine Pulverbeschichtungsanlage seien 10 Mio. EUR investiert worden. Die Kapazitäten sind längst nicht ausgereizt.

Der Diplom-Kaufmann Löbich, gebürtiger Heilbronner, hat bei Würth „das Großkundengeschäft im Bausegment aufgebaut“, gibt er einen Einblick in seinen beruflichen Werdegang. Den Modelleisennahnhersteller Märklin in Göppingen führte er von 2010 an aus der Insolvenz. Von Weru ist Löbich jetzt so überzeugt, dass er sich über HIG selbst Anteile gesichert hat.
© Südwest Presse 17.06.2020 07:45
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