Späte Würdigung am Wörthersee

Vor 40 Jahren durfte sie nicht aus der DDR ausreisen, jetzt aber gewinnt Helga Schubert den Bachmannpreis.
  • Die Schriftstellerin Helga Schubert. Foto: Handout/ORF/dpa
Als älteste je eingeladene Teilnehmerin hat die 80 Jahre alte Helga Schubert den Bachmannpreis gewonnen. „Ich bin unglaublich glücklich“, sagte die gebürtige Berlinerin, die von zu Hause aus in Neu Meteln in Mecklenburg-Vorpommern live ins österreichische Fernsehen zugeschaltet war. Der Preis ist mit 25 000 Euro dotiert und gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen für deutschsprachige Literatur.

Schubert setzte sich gegen 13 andere Kandidatinnen und Kandidaten durch. In der entscheidenden Abstimmung gewann sie gegen Lisa Krusche aus Braunschweig. Die Texte hätten unterschiedlicher kaum sein können: Während Schubert sich mit der zwiespältigen Beziehung einer Tochter zu ihrer vom Krieg verhärteten Mutter auseinandersetzt, geht Krusche in die Bildwelt von Computerspielen, mit einer Protagonistin, die sich zwischen Avataren und Bots bewegt. Krusche gewann dafür den mit 12 500 Euro dotierten Deutschlandfunk-Preis.

Für die Diplompsychologin Helga Schubert, die seit den 70er Jahren Erzählungen, Kinderbücher, Hörspiele, Theateradaptationen, Kolumnen und Märchen veröffentlicht hat, war es eine späte Genugtuung. Sie war 1980 schon einmal eingeladen, am Wettlesen um den Bachmannpreis teilzunehmen. Damals bekam sie aus der DDR aber keine Ausreisegenehmigung. Diesmal empfand Schubert die Tatsache, dass sie wegen der Corona-Krise nicht reisen konnte, aber als Segen. Der Wettbewerb fand virtuell statt, die Autoren hatten ihre Lesungen aufgezeichnet, und die Jury diskutierte live per Video schaltung aus dem Homeoffice. Schubert sprach von einer „schutzengelmäßigen Schicksalswendung“: So habe sie zu Hause ihren Mann pflegen können.

Schubert erzählt in „Vom Aufstehen“ von einer Frau, die morgens im Bett liegt und das Aufstehen hinauszögert. „Auf, auf, sprach der Fuchs zum Hasen, hörst du nicht die Hörner blasen? So weckte mich meine Mutter früher, als ich ein Schulkind war“, beginnt der Text. Die Frau verwebt im Bett liegend Erinnerungen an ihre verstorbene, vom Krieg geprägte harte Mutter und die innige Beziehung zu ihrem nebenan liegenden kranken Mann. Die Frau heißt Helga. Schubert selbst wurde 1940 geboren, ihr Vater starb ein Jahr später als Soldat. Christiane Oelrich
© Südwest Presse 22.06.2020 07:45
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