Allein der Glaube fehlt

Werder geht im Kampf gegen den Abstieg ernüchtert ins letzte Spiel. Düsseldorf ist zuversichtlich, Mainz und Augsburg feiern Klassenerhalt mit kessen T-Shirt-Sprüchen.
  • Schmallippig ins Abstiegsfinale: Bremens Trainer Florian Kohfeldt. Foto: Kai Pfaffenbach/afp Foto: Kai Pfaffenbach/dpa
Florian Kohfeldt wirkte verzweifelt und ratlos. „Ich bin sehr, sehr enttäuscht und brutal leer“, schilderte der sichtlich niedergeschlagene Trainer des SV Werder Bremen nach dem 1:3 (0:2) im Kellerduell beim geretteten FSV Mainz 05 seine Gefühlslage. 40 Jahre nach dem ersten Absturz in die Zweitklassigkeit taumelt der einst ruhmreiche Klub von der Weser dem zweiten Abstieg aus der Fußball-Bundesliga entgegen. „Ich kann direkt nach dem Spiel keine Zuversicht verbreiten oder Dinge ansprechen, die mir Hoffnung machen“, bekannte Kohfeldt.

Die Ausgangslage für Werder ist schwierig (siehe nebenstehender Überblick). Gegen die Bremer spricht zudem die Stimmungslage. Immer wieder haben sie vereinzelte Hoffnungsschimmer erzeugt. Doch jeder zarte Aufschwung war schnell wieder vorbei. Das 1:3 in Mainz mit eklatanten Fehlern vor den Gegentoren stand in seiner Anfälligkeit und Harmlosigkeit beinahe stellvertretend für die gesamte verkorkste Saison.

Die Überzeugung, es noch schaffen zu können, strahlte nach diesem Spiel niemand mehr aus. „Wir stehen in der Tabelle genau an der Stelle, wo wir hingehören“, sagte der langjährige Manager Willi Lemke im ZDF-Sportstudio. Und forderte schon vor dem Spiel gegen Köln, die Saison schonungslos zu analysieren.

Düsseldorfs Trainer Uwe Rösler verbreitete dagegen schon kurz nach dem 1:1 gegen den FC Augsburg wieder Zuversicht. „Wir werden voll da sein“, verkündete der 51-Jährige vor dem finalen Auftritt bei Union Berlin – und gab seinen Schützlingen erst einmal zwei Tage frei. „Das wird uns gut tun“, sagte Rösler. Die Fortuna hätte längst gerettet sein können, eingedenk so manchen Spielverlaufs sogar müssen.

Stattdessen steht den Düsseldorfern ein Nervenkrimi ins Haus. Denn selbst wenn der direkte Abstieg vermieden werden sollte, müssen sie ihren Platz im Oberhaus in zwei Relegationsspielen gegen den Dritten der 2. Liga verteidigen. „Man kann hinfallen. Entscheidend ist, wie man wieder aufsteht“, sagte Rösler. „Und wir werden aufstehen.“

Für den FSV Mainz, den FC Augsburg und den 1. FC Köln ist das Drama beendet. Besonders für Mainz war es ein großer Moment, den die Rheinhessen mit einem kleinen Seitenhieb auf den Serienmeister aus München feierten. Die Spieler streiften sich nach dem Sieg gegen Werder T-Shirts mit der Aufschrift „8x Meister? Langweilig. 11x drin bleiben? Mainzer Weltklasse“ über.

Und Sportchef Rouven Schröder brüllte in Richtung seiner Spieler: „Alle haben gesagt, wir sind weg. Aber wir sind drin geblieben, weil wir gut sind. Männer, ich bin stolz auf Euch.“

Ähnlich wie die Mainzer feierte auch der FC Augsburg den Klassenerhalt mit einer wenig bescheidenen T-Shirt-Botschaft. „La Decima“ stand auf den Hemden. Damit nahmen die Schwaben, die nun ein komplettes Jahrzehnt in der Bundesliga sind, Anleihen bei Real Madrid. Der Weltclub hatte 2014 seinen zehnten Champions-League-Triumph ebenfalls mit diesem Slogan (zu deutsch: „Die Zehnte“) gefeiert.

Anleihe bei Real Madrid

„Das ist etwas ganz Besonderes“, sagte Sportchef Stefan Reuter und erinnerte an seinen Einstieg beim FCA Ende 2012. „Als ich nach Augsburg kam, hat der damalige Präsident Walther Seinsch gesagt, wir werden in den nächsten fünf Jahren definitiv zweimal absteigen, das ist gar nicht zu verhindern. Dass wir uns jetzt auf das zehnte Jahr in Folge in der Bundesliga freuen dürfen, ist toll.“

Die letzten theoretischen Zweifel am Klassenerhalt hat der 1. FC Köln mit dem 1:1 gegen Frankfurt beseitigt – nicht aber die an Trainer Markus Gisdol. „Diese Wochen waren sehr bewegend und haben auch mich viel Kraft gekostet“, sagte der einigen Fans umstrittene Coach. Die Corona-Pause habe den FC geschadet, so Gisdol. sid/dpa
© Südwest Presse 22.06.2020 07:45
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