Großeinsatz Polizei in Stuttgart

Spur der Verwüstung

Randalierer aus der Stuttgarter Partyszene ziehen zu Hunderten durch die Innenstadt und greifen gezielt Polizeibeamte an. Politische Motive gibt es offenbar nicht.

  • Wahllos zerstörten und plünderten die Randalierer Geschäfte in der Stuttgarter Innenstadt – vom Juwelier über die Eisdiele und den Handyladen bis zum Ein-Euro-Shop (hier im Bild). Foto: Julian Rettig/dpa
  • Rund 280 Polizisten waren Sonntagnacht im Einsatz. Foto: Simon Adomat/dpa
  • Anna Wittenbrink in ihrem völlig zerstörten Laden. Foto: Sven Kohls/SDMG/dpa

Anna Wittenbrink bricht immer wieder in Tränen aus. Die 32-Jährige steht am Sonntagmorgen mit maskaraverschmierten Augen in den Trümmern ihres Ladens. Die Scheiben sind eingeschlagen, der Boden ist übersät mit Scherben, umgestürzte Glasvitrinen liegen übereinander, viele Waren aus der Auslage sind geklaut. „Erst Corona – und jetzt das“, sagt Wittenbrink, die sich auf Glaskunst, Schmuck und Zubehör für Rauchwaren spezialisiert hat. Den Schaden schätzt die junge Frau auf mehrere zehntausend Euro.

Vor ihrem Laden laufen zu diesem Zeitpunkt wie in der ganzen Stuttgarter City Aufräumarbeiten. Das Technische Hilfswerk sägt Spanplatten zurecht, um eingeworfene Schaufenster zu sichern. Die Straßenmeisterei kehrt Scherben und Müll zusammen. Die Überreste einer Nacht im totalen Ausnahmezustand. Mehrere Hundert Randalierer, viele davon vermummt, ziehen Stunden zuvor durch die Innenstadt und hinterlassen bei schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei eine Spur der Verwüstung.

Auf Handyvideos, die im Netz kursieren, sieht man, wie junge Männer wahllos Schaufensterscheiben mit Pflastersteinen einwerfen, Auslagen plündern, Polizeiautos attackieren und Beamte angreifen. Ein Video zeigt, wie ein Mann einem knienden Polizisten mit Wucht in den Rücken springt. Auf einem anderen hört man, wie Männer über die Zerstörungsorgie lachen und Sätze rufen wie „Fuck the Police“.

Am Tag danach zeigt sich die Stuttgarter Polizeispitze erschüttert. „Es war heute Nacht eine nie da gewesene Dimension offener Gewalt gegen Polizeibeamte und massiver Sachbeschädigung“, sagt Polizeipräsident Franz Lutz bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz im Rathaus. Sein Stellvertreter Thomas Berger, der in der Nacht selbst vor Ort war, stellt fest: „Solche Szenen hat es in Stuttgart noch nicht gegeben.“

Die Situation sei gegen Mitternacht eskaliert, als Beamte am Eckensee einen 17-jährigen Deutschen wegen eines Drogendelikts kontrollieren wollten, berichtet Berger. In den Sommermonaten sammelt sich an dem Platz vor der Oper ein buntes Feiervolk. Sofort hätten sich 200 bis 300 aus der Partyszene mit dem Jugendlichen solidarisiert und die Beamten mit Flaschen und Steinen beworfen. Das Geschehen habe sich dann auf den nahen Schlossplatz verlagert, wo die Gruppe auf bis zu 500 Personen angewachsen sei.

In Kleingruppen ziehen die Randalierer danach über den Schlossplatz und weiter über die Königstraße, Stuttgarts Haupteinkaufsmeile, hoch zum Rotebühlplatz und zum Einkaufszentrum Gerber. Zunächst gelingt es der Polizei nicht, den Mob zu stoppen. Weitere Kräfte aus dem Umland werden angefordert, insgesamt sind in der Nacht 280 Beamte in der City unterwegs. Erst gegen 4.30 Uhr lässt sich die Lage allmählich beruhigen.

19 Polizisten verletzt

Die vorläufige Bilanz der Nacht: 40 Geschäfte beschädigt, neun geplündert, zwölf Polizeiautos teils bis zum Totalschaden zerstört. Hinzu kommen 19 verletzte Polizisten, einer davon dienstunfähig. Und das seien nur die körperlich Verletzten, so Berger. Die psychischen Folgen seien noch nicht absehbar.

Noch in der Nacht nimmt die Polizei 24 Männer fest. Sie sind jung, sieben sind unter 18, weitere sieben unter 21. Am Sonntag werden sieben Verdächtige dem Haftrichter vorgeführt. Er gehe davon aus, dass es noch weitere Festnahmen geben werde, sagt Polizeipräsident Lutz.

Was sie und die anderen Krawallmacher in der Nacht auf Sonntag antrieb – diese Frage schwebt am Tag darauf über allem. „Eine linkspolitische oder überhaupt eine politische Motivation können wir zum jetzigen Zeitpunkt ausschließen“, sagt Lutz. Auch eine Brücke zu den Ausschreitungen in den USA will die Polizei nicht schlagen. Stuttgarts OB Fritz Kuhn hält es indes für möglich, dass sich der eine oder andere durch die Bilder von Straßenschlachten in Amerika ermutigt gefühlt haben könnte, wie er bei der Pressekonferenz sagt. Mit der Stuttgarter Polizei habe die Situation in den USA aber rein gar nichts zu tun.

Die Ursprünge des Gewaltexzesses sehen die Verantwortlichen jedoch in jener Eventszene, bestehend aus jungen Leuten aus der Stadt und dem Umland, die sich in Sommernächten in der Innenstadt versammelt und betrinkt. Seit vier Wochen, seit die Corona-Beschränkungen gelockert seien, treffe sich das Feiervolk wieder im Freien, sagt Lutz. Weil viele Clubs und Shisha-Bars noch geschlossen haben, sind es derzeit noch mehr Menschen als in Vor-Pandemie-Zeiten. Neu sei zudem, so Lutz, dass sich die Feierenden jetzt mit aggressiven Aktionen gegen die Polizeibeamten im Netz inszenierten. Bereits vor vier Wochen war eine Polizeikontrolle aus dem Ruder gelaufen. Als Folge daraus habe man die eingesetzten Kräfte am Wochenende bereits verdoppelt.

Die Polizei sah die Eskalation der Gewalt kommen. Mit diesem Ausmaß habe man jedoch nicht gerechnet, räumt Lutz ein. „Wir wissen jetzt, dass unsere Lagebewertung falsch war“, ergänzt sein Vize Berger. Lutz kündigt ein Sicherheitskonzept an, das „deutlich mehr Kräfte“ vorsehe. Man wolle deutlich Präsenz in der Stadt zeigen und etwaige Übergriffe konsequent verfolgen. „Wir werden alles dafür tun, dass sich das nicht wiederholt.“

Zu diesem Zeitpunkt wird im Netz und im Politikbetrieb schon heftig über die Ursachen der Randale diskutiert. Die einen werfen der politischen Linken vor, Anfeindungen gegen Polizisten mit Rassismusvorwürfen zu schüren. Andere zielen auf die Herkunft der Täter ab: Zwölf der Festgenommenen haben einen deutschen Pass, der Rest einen ausländischen. Jetzt zu sagen, „die Ausländer sind schuld“, sei falsch und entspreche zudem nicht der Wirklichkeit, betont Kuhn. Stuttgart sei eine weltoffene Stadt. Das gelte es zu verteidigen.

© Südwest Presse 22.06.2020 07:45
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Kommentare

Sascha81

Soso, die "Party - und Eventszene"

Ist das jetzt der neue politisch korrekte Begriff, wenn wieder einmal was nicht sein kann, was nicht sein darf?

Wusste zudem auch nicht, dass deren neues Motto "Allahu Akbar" lautet wie in zahlreichen Internetvideos zu hören ist.

Und auch sonst habe ich noch nicht erlebt, gehört oder gelesen, dass wenn der "17 jährige deutsche",  "Fritz Häberle" von der Polizei kontrolliert wurde, sich sofort hunderte seiner schwäbischen Freunde aus der "Roschdbroda und Ofaschlupferszene" mit ihm solidarisierten und die Eskalation quasi vorprogrammiert war.

Und zwar so wie das schon mehrfach bei ganz gewöhnlichen Verkehrskontrollen in bestimmten Bezirken von bestimmten deutschen Großstädten vorgekommen ist.

Kurz

3 Warnschüsse der Polizei in die Luft und wer dann nicht freiwillig am Boden liegt .....

Muß sich denn unsere Polizei/unser Staat alles gefallen lassen?

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