Zoos in schwierigen Zeiten

Abwechslung und Abenteuer: Die Deutschen besuchen die Anlagen gern. Doch diese stehen vor Herausforderungen, nicht nur wegen Corona.
  • Die Eisbären Victoria (r) und Kap, ein Neuankömmling, kommen sich im Außengehege in Hagenbecks Tierpark in Hamburg näher. Foto: Georg Wendt/dpa
  • Foto: GRAFIK SCHERER/ QUELLE: FORSA-STUDIE 2020
Ein Star ist geboren. Als Eisbär Knut am 23. März 2007 erstmals öffentlich auftritt, ist das Interesse gigantisch. Das erste Eisbär-Baby im Berliner Zoo seit 30 Jahren! Knapp 500 Journalisten berichten, der damalige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) besucht das Tier noch am selben Tag. Der Knut-Hype – für den Berliner Zoo ein Segen. Jahrelang stritten sich die Verantwortlichen mit anderen Firmen vor Gericht um die lukrativen Vermarktungsrechte des Eisbären. Am Ende bekam der Zoo die alleinigen Namensrechte zugesprochen.

Doch der juristische Sieg ist kaum noch etwas wert. Mittlerweile beschäftigt sich kaum jemand mehr mit Knut. Auch der Berliner Zoo hat andere Sorgen. Corona-Auflagen, Hygienekonzepte, Besucherschwund. Die Situation ist schwierig. Nicht nur in Berlin. „Die Corona-Pandemie hat viele Zoos an die Grenze der Liquidität gebracht“, sagt Jörg Junhold, Präsident des Verbandes der Zoologischen Gärten (VdZ). Junhold spricht über Verluste von sechs Millionen Euro – alleine im Zoo in Leipzig, den der 56-Jährige leitet.

Das Virus zwingt die Einrichtungen umzudenken. Die Stuttgarter Wilhelma hat alle Führungen und Kindergeburtstage gestrichen. Der Zoologische Garten in Eberswalde (Brandenburg) erlaubt den Besuchern, Bollerwagen mitzubringen, weil die eigene Gastronomie nur Essen zum Mitnehmen verkauft. Zudem gelten in vielen Zoos Versammlungsverbote und Maskengebote. „Das ist schon ein anderer Alltag, den wir jetzt haben“, sagt Junhold.

Triumph für den Verband

Und trotzdem hat Junhold an diesem Donnerstag gute Laune. Der Verband hat zu einer Pressekonferenz geladen, der Verbandschef hat etwas mitgebracht. Eine Studie. Das Meinungsinstitut Forsa hat in einer Online-Umfrage 1500 Deutsche zu Zoos befragt. Ergebnis: Die überwiegende Mehrheit, 82 Prozent, befürwortet, dass es die Anlagen gibt. Ähnlich viele Teilnehmer glauben zudem, dass es den Wildtieren in den Zoos gut geht. „Wir freuen uns, dass die Deutschen hinter uns stehen“, sagt Junhold.

Die Forsa-Studie ist ein Triumph für den VdZ. Schon allein deshalb, weil Zoos zuletzt häufiger Kritik aushalten mussten. Tierrechtsorganisationen werfen den Betreibern vor, Tiere für menschliches Vergnügen zu missbrauchen. „Es wäre wünschenswert, dass die Zoos nach der Corona-Pandemie gar nicht mehr aufmachen“, sagt Yvonne Würz, Fachreferentin bei Peta. Sie spricht davon, dass viele Zoo-Tiere darunter leiden, in den Gehegen eingesperrt zu sein. Dass sie zu wenig beschäftigt würden. Und dass einige der gehaltenen Lebewesen sogar Verhaltensstörungen entwickeln.

Der VdZ hält dagegen. „Wir lieben unsere Tiere“, sagt der Geschäftsführer Volker Homes. Die Gehege seien immer moderner und immer vielfältiger. „Trend ist es, mehrere Arten in einem Gehege zu halten.“ Tierschutzaktivistin Würz geht das nicht weit genug. Sie fordert, dass Zoos in Zukunft nur noch Tiere betreuen, die verletzt oder gequält wurden, also als eine Art Auffangstation fungieren.

Skepsis gegenüber neuen Ideen

Andere Möglichkeiten, exotische Tiere zu beobachten und kennenzulernen, gebe es jetzt genug. Es gibt Dokumentarfilme. Es gibt Serien. Und es gibt Virtual Reality. Es gebe schon erste Projekte, erzählt Würz. Etwa Berggorillas, die man digital in freier Wildbahn betrachten kann. „Da fühlt man sich wie mittendrin.“ Allerdings: Die Deutschen fremdeln mit der Technologie. In der Forsa-Umfrage gaben 68 Prozent der Befragten an, dass eine VR-Erfahrung nicht mit der Zoo-Erfahrung vergleichbar sei. „Das echte Tiererlebnis ist nicht zu ersetzen“, sagt Junhold. Eisbär Knut erlebt die Debatte um die Zukunft der Zoos nicht mehr. Nach dem anfänglichen Hype wurde es schnell ruhig um ihn. 2011 starb der einstige Medienstar an den Folgen einer Gehirnentzündung. Er wurde nur vier Jahre alt.
© Südwest Presse 03.07.2020 07:45
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