Der Süden hält am Kurs fest

In den USA steigen die Infektionszahlen: Die „Sun Belt“-Staaten ignorieren Warnungen und wollen dem Lockdown entgehen.
Während in anderen Ländern die Infektionsraten sinken, spitzt sich die Corona-Krise in den USA weiter zu. Die Zahl neuer Erkrankungen ist fast doppelt so hoch wie vor zwei Wochen. Knapp 130 000 Todesopfer und mehr als 2,7 Millionen Erkrankungen machen mehr als ein Viertel aller weltweiten Fälle aus, die Tendenz ist weiter steigend.

Brutstätten des Virus sind Südstaaten im sogenannten „Sun Belt“. Dort ignorieren Politiker die Warnungen der Gesundheitsexperten und hören stattdessen nur auf US-Präsident Donald Trump, der unermüdlich auf die Öffnung der Wirtschaft drängt. Trump glaubt, die Krise durch den Aufkauf des weltweiten Vorrats des Arzneimittels Remdesivir bekämpfen zu können. Die US-Regierung schloss mit dessen Hersteller, dem Pharmakonzern Gilead, einen entsprechenden Deal ab.

In der größten texanischen Stadt Houston sind die Krankenhäuser restlos überfordert. Auf den Intensivstationen sind Betten fast zu 100 Prozent belegt, und Notärzte berichten, dass sie wegen der steigenden Zahl an Corona-Patienten, andere, teils lebensnotwendige Operationen verschieben müssen.

Kneipen vorzeitig geöffnet

Trotzdem will der stellvertretende Gouverneur Dan Patrick von den Fakten nichts wissen. „Ich brauche keinen Rat von Anthony Fauci, der hat bisher immer falsch gelegen“, kritisiert er den weltweit angesehenen Virologen. Er ist einer von Trumps Experten, hat jedoch seit mehr als drei Wochen nicht mehr mit dem Präsidenten gesprochen.

Fauci warnt vor überfüllten Kneipen, Schwimmbädern und Partys. Gerade jüngere Menschen, die sich dort ohne Schutzmaske aufhalten, könnten zu „Superspreadern“ werden und zahlreiche andere anstecken. Angesichts der Rekordzahl neuer Erkrankungen gestand der texanische Gouverneur Greg Abbot ein, dass die vorzeitige Öffnung von Kneipen sein „größter Fehler war“, zögert aber, daraus Konsequenzen zu ziehen.

Am bevorstehenden Wochenende des 4. Juli, dem Nationalfeiertag, schließen neben Miami Beach auch andere Städte die Strände. In Arizona jedoch behalten republikanische Politiker trotz der dramatisch steigenden Zahl an Opfern den Kurs bei: Geschäfte, Einkaufszentren und Restaurants sind offen. Lediglich Kneipen, Clubs und Fitnessstudios schließen. In vielen Fällen ignorieren deren Besitzer und Kunden die Anordnungen der Behörden und verklagen teilweise den Staat wegen „entzogener Freiheiten“.

Der Notarzt Brandon Brikowski zeichnet indes ein düsteres Bild. „Es ist unvermeidlich, dass die Dinge nur noch schlimmer werden“ sagt er. Das Weiße Haus sieht das hingegen anders. „Ich könnte nicht stolzer darauf sein, wie Arizona die Pandemie bekämpft hat“ sagte Vizepräsident Mike Pence. Peter DeThier
© Südwest Presse 03.07.2020 07:45
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy