Volle Fahrt ins Ungewisse

Mit einem abgespeckten Programm und unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen wagt die Königsklasse des Motorsports den Neuanfang. Unklar ist, wo dieser endet.
  • Der Weltmeister-Rennstall Mercedes, hier Valtteri Bottas, hat sich im englischen Silverstone auf den verspäteten Saisonstart der Formel 1 vorbereitet. Foto: Steve Etherington/Mercedes-Benz Grand Prix Ltd./dpa
Der durchschnittliche RTL-Zuschauer kann es sich kaum vorstellen: Kein Kai Ebel, der sich vor dem Formel-1-Auftakt durch das Getümmel in der Startaufstellung kämpft und einen Promi nach dem anderen vors Mikrofon zerrt. Keine Massen an Zuschauern und Teammitgliedern, die den Premierensieger der Saison 2020 am Ende des Rennens hochleben lassen. Und auch keine Champagnerdusche des verschwitzten Grand-Prix-Gewinners mit seinen geschlagenen Konkurrenten.

Der verspätete Start der Motorsport-Königsklasse am Sonntag in Österreich (15.10 Uhr/RTL und Sky) wird unter dem Eindruck der Corona-Pandemie mindestens so steril durchgezogen, wie es schon in der Fußball-Bundesliga zu sehen war – wenn nicht noch schlimmer. Da nämlich auf dem Red-Bull-Ring zu Spielberg nicht nur ein paar hundert, sondern rund 3000 Menschen nötig sind, um den „Notbetrieb“ des Rennspektakels zu realisieren, geht es noch vorsichtiger zu als zuletzt bei König Fußball: Die deutlich abgespeckten Teams werden gänzlich voneinander abgeschottet, Medien fast gänzlich ausgeschlossen, und praktisch überall außer in den Fahrzeugen herrscht Maskenpflicht. „Wenn unsere Mechaniker körperliche Arbeit leisten und es sehr heiß wird, ist das besonders herausfordernd“, klagte Ferrari-Sportdirektor Laurent Mekies.

Was das 78-seitige Hygienekonzept des Automobil-Weltverbands Fia aber noch nicht regeln konnte: Wo und wie die Saison zu Ende gehen soll. Acht Rennen sind bislang fix, mindestens 15 braucht es, um den milliardenschweren Vertrag mit den TV-Anstalten nicht nachverhandeln zu müssen. Und wegen ihnen veranstaltet man ja das ganze Brimborium. Doch nach der Europa-Tour, die bis Anfang September festgezurrt ist, würde es in die aktuellen Corona-Hochburgen Russland, USA und Brasilien gehen, in denen noch lange kein Ende der Pandemie in Sicht ist. Daher ist es inzwischen sogar denkbar, dass sich die so genannte Weltmeisterschaft nur auf dem hiesigen Kontinent abspielt, mit einem kurzen Abstecher in den Nahen Osten – zum geplanten Saison-Abschluss im Dezember in Bahrain und Abu Dhabi.

Die Fahrer selbst rechnen angesichts der siebenmonatigen Pause seit ihrem letzten Rennen und den wenigen Trainingseinheiten im Vorfeld des Neustarts mit heftigen Nackenschmerzen – bis hin zur Zerrungen. Dies dürfte jedoch nur ein Nebeneffekt im Kampf um den WM-Titel sein. Denn am Ende werden wohl die üblichen Verdächtigen wieder vorne sein: Die Mercedes-Asse Lewis Hamilton und Valtteri Bottas als große Favoriten sowie die Dauer-Jäger Max Verstappen im Red Bull und Sebastian Vettel im Ferrari.

Letzterer könnte in seinem letzten Jahr bei den Roten zum großen Gewinner der Corona-Einschränkungen werden: Vettel war – anders als Paradiesvogel Hamilton – noch nie Fan des Drumherum bei der Formel 1, der Heppenheimer wollte immer nur Rennen fahren. Außerdem hat er in seiner Abschiedssaison nichts mehr zu verlieren. „Er wird beweisen wollen, dass Ferrari auf den falschen Fahrer setzt“, heißt es auf der Formel1-Homepage treffend. Ein Abschied mit Titel – für Sebastian Vettel würde sich der Kreis seiner turbulenten Karriere schließen, deren Ende noch völlig offen ist. Nachdem in der kommenden Saison nur noch Bezahlsender die Formel 1 übertragen, wäre ein Komplettausstieg des letzten deutschen Fahrers eine Vollkatastrophe und könnte wie ein Brandbeschleuniger für das Schwinden der Popularität hierzulande wirken.

Und was macht Kai Ebel, wenn sich selbst RTL von der Königsklasse des Motorsports zurückzieht? Der will höhere Mächte entscheiden lassen: „Ich habe noch nicht in die Glaskugel geschaut. Mal sehen, was das Universum für mich noch zu bieten hat“, sagte der 55-Jährige vieldeutig. Wie für ihn ist das Pandemie-Jahr 2020 für den gesamten Formel-1-Zirkus eine Fahrt ins Ungewisse.
© Südwest Presse 03.07.2020 07:45
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