Mordprozess Rot am See

Zuletzt ein Leben in strenger Isolation

Drei Verhandlungstage sind in Ellwangen vorüber: Langsam ergibt sich ein Bild von Adrian S.' Persönlichkeit. In Rot am See hat er sechs Familienangehörige erschossen.
  • Vor Beginn der Sitzung am Landgericht Ellwangen verbirgt Adrian S. seinen Kopf unter einer Jacke. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Adrian S. ist ein schlanker, fast magerer, hochgewachsener Mann. Wenn der 27-Jährige in Handschellen und mit Fußfesseln im Gerichtssaal vorgeführt wird, trägt er Jeans und ein blaues, extrem zerknittertes Hemd. Seinen braungelockten Kopf verbirgt der Brillenträger unter einer olivgrünen Kapuzenjacke.

Nach den ersten drei Verhandlungstagen im Prozess um den sechsfachen Mord von Rot am See (Landkreis Schwäbisch Hall) wird das Bild von der Persönlichkeit des Angeklagten immer deutlicher. Vor den Richtern sitzt ein intelligenter junger Mann, der sein Abitur mit der Durchschnittsnote 1,8 bestanden hat, der aber im Leben keinen Fuß auf den Boden gebracht hat.

Adrian S., der in Rothenburg ob der Tauber geboren wurde, verbrachte die ersten Lebensjahre in Rot am See. Seine Eltern heirateten 1992, seine Mutter brachte zwei Kinder aus erster Ehe mit in die Familie. Um einen neuen Berufsweg als Hebamme einzuschlagen, zog die Mutter mit den Kindern nach Lahr im Ortenaukreis. 2017 kehrte Adrian S. zu seinem Vater zurück.

Nach dem Abitur 2013 fand der Angeklagte keine berufliche Perspektive. Ein Maschinenbaustudium in Aachen brach er ebenso ab wie das Studium der Betriebswirtschaft in Stuttgart – allerdings gaukelte er seiner Familie vor, er studiere nach wie vor.

Dass er mit einer Fehlbildung der Harnröhre und der Hoden geboren wurde, deshalb jahrelang an Hodenschmerzen litt und operiert werden musste, dafür macht Adrian S. seine Mutter verantwortlich, denn sie habe während der Schwangerschaft die Anti-Baby-Pille eingenommen. Seine Mutter habe ihn zudem jahrelang mit weiblichen Hormonen vergiftet, um seine Männlichkeit zu zerstören. Sie hätte an seiner Stelle lieber ein Mädchen geboren und habe einmal versucht, ihn zu einer Geschlechtsumwandlung zu bewegen. Beweise für all das gibt es bisher nicht.

Gefangen in der Vorstellung, seine Mutter wolle ihn vergiften, führte Adrian S. zuletzt ein Leben in einer strengen Isolation – in seinem Zimmer im „Deutschen Kaiser“. Während er für seinen Vater ab und zu Hilfsdienste verrichtete, ließ er sich nicht blicken, wenn seine Mutter zu Besuch kam. Sein Zimmer war stets verschlossen. Er installierte eine Überwachungskamera, um Eindringlinge zu entlarven, manipulierte die Fritz-Box, mit der die Telefone verbunden sind, und zeichnete die Telefongespräche auf. Aus Angst, vergiftet zu werden, ernährte er sich zuletzt nur noch von H-Milch und anderen Milchprodukten. In die leeren Milchpackungen urinierte er, um den Gang zum WC zu vermeiden.

Jahrelange Planung

Ganz im Gegensatz zu diesem chaotischen Leben steht die jahrelange, konsequente Planung seiner Tat vom 24. Januar, bei der er Mutter, Vater und Halbschwester erschießen wollte. Im Schützenverein Beimbach, dem er 2017 beitrat, um an eine Waffe zu gelangen, gab er sich gesellig. Er saß mit den Schützen am Tisch und beteiligte sich am Gespräch, während er zu Hause nicht mehr an den Mahlzeiten teilnahm.

Drei Tage vor den Todesschüssen fuhr Adrian S. nach Schwepnitz in Sachsen, wo die Urne seiner Großmutter am 25. Januar beigesetzt werden sollte. Dort kundschaftete er den Ort aus – für den Fall, dass sein Anschlag in Rot am See misslingen sollte. Auf dem Rückweg kaufte er in Nürnberg eine Pistole und 350 Schuss Munition. Noch am selben Abend übte er im Schützenhaus in Beimbach mit der Pistole.

Zu seinem Onkel und seiner Tante, die nebenan wohnten, hatte Adrian S. ein besonderes Verhältnis. Die beiden hätten ihren Neffen wie ihr eigenes Kind behandelt, ihm Geld gegeben und seinen Führerschein bezahlt, berichteten Zeugen. Auch diese beiden Menschen hat Adrian S. erschossen.
© Südwest Presse 03.07.2020 07:45
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