Pro & Contra

Erst Minister, dann Berater?

Sigmar Gabriel steht wegen seiner Tätigkeit für Tönnies in der Kritik. Er selbst findet: „Ich bin kein Politiker mehr.“
  • Korrespondent Dieter Keller Foto: swp
Es gibt ein Leben nach der Politik. Auch für ehemalige Parteivorsitzende und Bundesminister. Dann müssen sie die Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt weiter zu verdienen. Als Ex-FDP-Chef Philipp Rösler aus dem Bundestag ausschied, war er 40. Also musste er sich einen Job suchen, und da wäre es zu viel verlangt gewesen, nicht die praktischen Erfahrungen zu nutzen, die er in der Politik gemacht hatte. In Deutschland gibt es viel zu wenige Manager und Politiker, die für einige Zeit ins andere Lager wechseln und auch wieder zurück. Entsprechend verstehen beide häufig nicht die Mechanismen und Zwänge, unter denen die andere Seite agiert. Und im Bundestag sitzen viel zu wenig normale Angestellte, Arbeiter oder Unternehmer, dafür viele Beamte.

Der Knackpunkt ist nicht das Prinzip, sondern das Augenmaß – was der Einzelne daraus macht. Wer in der Öffentlichkeit steht, hat sich das selbst gewählt, und er oder sie muss sich der Frage stellen, ob er seinen eigenen Maßstäben gerecht wird. Sigmar Gabriel war schon immer ein Besserwisser. Seit dem Ausstieg aus der Politik verfasst er ständig lange Artikel für Medien. Schon deswegen muss er sich selbst mehr fragen, ob er seine Beraterverträge so auswählt, dass er noch in den Spiegel schauen kann. Und ob er damit der Partei schadet, deren Vorsitzender er immerhin sieben Jahre lang war.

Ein weiteres Problem ist, dass die Verdienste in Spitzenpositionen immer weiter auseinanderlaufen. Die Wirtschaft zahlt viel besser. Da zählt das Ansehen in der Öffentlichkeit weniger als der Erfolg fürs Unternehmen oder den Verband. Politiker dagegen müssen sich auch noch ständige Anfeindungen gefallen lassen.
© Südwest Presse 04.07.2020 07:45
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