„Die Stimmung ist eine völlig andere“

Der Corona-Crash ist nicht mit dem Kurssturz in der Finanzkrise vergleichbar, sagt Michael Völter, Chef der Börse Stuttgart. So viele Online-Depots wie zuletzt wurden selten eröffnet.
  • „Es gibt wenige Tage im Jahr, die für die Kursgewinne einer Aktie entscheidend sind“, sagt Michael Völter, Chef der Börse Stuttgart. Seine Anlagestrategie-Empfehlung für Privatleute lautet daher: anlegen und liegen lassen. Foto: Marc Fippel/Börse Stuttgart GmbH
Börsen sind immer auch das Spiegelbild der Emotionen der Anleger, sagt Michael Völter, Vorsitzender des Vorstands der Vereinigung Baden-Württembergische Wertpapierbörse e.V. Gerade in Zeiten der Corona-Krise zeige sich, wie wichtig es sei, eine Börse zu haben, die durchgehend verfügbar und technisch stabil ist. Ein Gespräch über die Corona-Notfallpläne für den Handelsplatz, die veränderte Anlegerkultur in Deutschland und den Handel mit Kryptowährungen.

Wie haben Sie den Absturz des Deutschen Aktienindex (Dax) zu Beginn der Corona-Krise empfunden?

Dr. Michael Völter: Einerseits hat mich der schnellste und heftigste Kurssturz des Dax – minus 40 Prozent binnen eines Monats – überrascht. Und andererseits auch wieder nicht. Denn eine solche weltweite Pandemie hat es noch nicht gegeben. Es liegt im Wesen der Märkte, dass sie auf Unerwartetes stark reagieren.

Inwiefern unterscheidet sich das Verhalten der Anleger im Vergleich zur Finanzkrise 2008?

Damals haben die Anleger die Finanzmärkte und Wertpapiere als etwas Bedrohliches wahrgenommen. Es herrschte zudem große Unsicherheit, wie stabil das Finanzsystem ist.

Und heute?

Da ist die Stimmung eine völlig andere. Ich habe den Eindruck, dass potenzielle Neuanleger geradezu auf diesen Rückschlag gewartet haben, um in den Aktienmarkt einzusteigen. Die Zahl der Depot-Eröffnungen bei Online-Brokern war im März und April sehr hoch.

Wie erklären Sie sich das?

Die Anleger sehen die Maßnahmen der Politik und der Notenbanken und glauben an die Wertpapiermärkte. Ich hoffe, dass dies ein anhaltendes Interesse ist.

Warum sind die Handelsumsätze seit März in Stuttgart so deutlich gestiegen?

An der Börse werden Chancen und Risiken gehandelt. Wenn sich die Meinungen der Anleger ändern, kommt Bewegung in die Märkte und die Handelsumsätze steigen. Das gilt für Krisenzeiten wie jetzt bei Corona, aber auch für überraschende positive Entwicklungen.

Wie hat die Börse Stuttgart als Arbeitgeber auf Covid-19 reagiert?

Als Wertpapierbörse sind wir ein hoch reguliertes Unternehmen. Wir müssen und wollen stabil sein. Daher haben wir für solche Fälle Notfallpläne, die wir systematisch umgesetzt haben.

Wie sah das aus?

Es gelang uns von einem Tag auf den anderen, 300 unserer 350 Beschäftigten in die Remote-Arbeit zu schicken. Dennoch läuft die Börse Stuttgart stabil – wie vor der Corona Krise.

Ihr Geschäft ist extrem datengetrieben. Wie ist Ihnen das in so kurzer Zeit gelungen?

Wir treiben seit Jahren konsequent die Digitalisierung unseres Arbeitsumfeldes voran. Unsere Notfallpläne sehen außerdem vor, dass wir mit einem zweiten und einem dritten Handelsraum im Börsengebäude und in unserem Ersatz-Rechenzentrum arbeiten können. In der Pandemie zahlt sich diese Vorbereitung aus.

Wie muss ich mir so ein Ersatz-Rechenzentrum vorstellen?

Wir haben nicht nur ein zweites Rechenzentrum in der Börse, sondern ein weiteres an einem Standort im Großraum Stuttgart, an dem die Handelssysteme ständig mitlaufen.

Die Erholung des Dax war rasant. Kann man der Entwicklung trauen?

Da gibt es zwei Aspekte: Die Börse blickt weit in die Zukunft, also auf die Entwicklung der nächsten Monate und Jahre. Zudem haben die Märkte die Tendenz zu übertreiben.

Was heißt das mit Blick auf die tiefe Rezession der Wirtschaft?

Einerseits gibt es wenig Faktoren, die an eine rasche Erholung glauben lassen. Andererseits ergreift die Politik gerade viele Maßnahmen, um die Wirtschaft zu stabilisieren und die Konjunktur anzukurbeln. Obendrein gibt es einen großen Kapitaleinschuss durch die Notenbanken. Dieses Geld muss angelegt werden, und im Niedrigzinsumfeld gibt es für Anleger wenig Alternativen. Mit Sachwerten wie Aktien lässt sich noch am ehesten ein Ertrag erwirtschaften.

Früher galt es als unüblich, dass Aktienkurse und der Goldpreis gleichzeitig steigen. Aber im Moment tun sie das.

Die Aktienkurse werden durch die Finanzspritzen der Notenbanken angetrieben. Gold hingegen ist eine klassische Flucht- und Krisenwährung. Wir sehen bei Gold schon das ganze Jahr eine sehr hohe Nachfrage vor allem bei Privatanlegern. Das ist nur eine andere Art, auf die Krise zu reagieren.

Wie lautet Ihr Tipp für eine erfolgversprechende Anlagestrategie?

Eine Aktie ist eine Sachanlage, da sollte man langfristig denken. Dann fallen aktuelle Schwankungen weniger ins Gewicht. Jeder Anleger muss für sich entscheiden, welche Risiken er eingehen will und welche Summe er investieren möchte – sinnvollerweise mit regelmäßigen Beträgen. Für den Vermögensaufbau kann man das Investment dann ein paar Jahre liegen lassen.

Was spricht für ihr Rezept „anlegen und liegen lassen“?

Es gibt wenige Tage im Jahr, die unter dem Strich für die Kursgewinne einer Aktie entscheidend sind. An diesen Tagen sollten Anleger investiert sein.

Wie gut entwickelt sich der Handel mit Kryptowährungen?

Ich bin sehr zufrieden. Der Handel auf unserer Krypto-App Bison nimmt seit Monaten stetig zu.

Warum machen Sie das überhaupt?

Wir wollen als Börse Stuttgart Vorreiter im Markt für digitale Vermögenswerte sein. Außerdem wollen wir Privatanlegern ein verlässliches Umfeld bieten, um in für sie interessante Anlageklassen zu investieren. Daher haben wir mit unserer App Bison ein unkompliziertes Angebot für den Handel mit Kryptowährungen geschaffen.

Wie rege wird diese App genutzt?

Derzeit von rund 160 000 Menschen, sei es im Demomodus oder zum realen Handel. Seit Jahresbeginn hat sich die Zahl der aktiven Nutzer mehr als verdoppelt.

Wie viele Nutzer wünschen Sie sich bis Ende 2023?

Wenn wir in zwei bis drei Jahren auf eine halbe Million Nutzer kämen, wäre das ein guter Wert.

Wie riskant ist ein Investment in Bitcoins und Co?

Die Volatilität von Kryptowährungen ist sehr hoch. Spannend an ihnen ist, dass sie oft eine Gegenbewegung zu den klassischen Anlageklassen aufweisen. Insofern können Anleger Kryptowährungen als Beimischung nutzen, um ihr Depot breit zu streuen – sofern sie die starken Kursschwankungen aushalten.
© Südwest Presse 04.07.2020 07:45
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