Tödlicher Sommer-Spaß

Im Schnitt ertrinkt pro Tag mindestens ein Mensch in Deutschland. Trotzdem gibt es immer weniger Bäder und immer mehr Nichtschwimmer. Warum?
  • Mitarbeiter der bayerischen Wasserwacht bei einer Seerettungsübung im Starnberger See. Foto: Sven Hoppe/dpa
Sein Tod war leise. Der 18-Jährige tauchte unter, fast unbemerkt. Alle Rettungsversuche kamen zu spät. Ein Feuerwehrtaucher barg die Leiche noch am Abend des 2. Juli aus dem Badesee in Kehl (Baden-Württemberg). Kein Einzelfall. Jeden Tag sind die Retter im Einsatz, oft können sie nicht mehr helfen. In der vergangenen Woche ertranken hierzulande mindestens sechs Menschen. Darunter: eine Vierjährige in Hannover und eine Elfjährige in Hückelhoven (Nordrhein-Westfalen).

Martin Holzhause überraschen die Unglücke nicht mehr. „Wir müssen jeden Sommer davon ausgehen, dass es diese Fälle gibt“, sagt der Sprecher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Dieses Jahr könnten die Zahlen besonders dramatisch werden. Weil viele Personen ihren Urlaub wegen der Corona-Pandemie in Deutschland verbringen. Weil die Freibäder ihre Besuchskapazitäten strikt begrenzen und Badegäste an Seen und Flüsse ausweichen müssen. Und weil immer mehr Kinder nicht schwimmen können. „Wir stellen schon fest, dass die Schwimmfähigkeiten zurückgegangen sind“, sagt Holzhause.

Der DLRG-Sprecher hat Zahlen parat, die seine Aussage untermauern sollen. Die erste: 59. 59 Prozent der befragten Zehnjährigen gaben 2017 in einer Forsa-Umfrage an, keine sicheren Schwimmer zu sein. Holzhauses zweite Zahl: 80. 80 Bäder schließen laut DLRG-Angaben in Deutschland – pro Jahr. Mehr Nichtschwimmer, weniger Bäder – die Folgen dieser Entwicklung: „Wahrscheinlich mehr Ertrinkende“, sagt Holzhause.

Kein Unterricht in Corona-Zeiten

Dabei will die Politik gerade das vermeiden. Schwimmunterricht ist in allen Bildungsplänen der Bundesländer verankert. „Jedes Kind muss schwimmen lernen“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek 2018. Doch die Realität sieht oft anders aus. Etwa bei Ilka Hoffmann. Die Vertreterin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) arbeitete jahrelang an einer Grundschule im Saarland. Das nächste Schwimmbad sei zwölf Kilometer entfernt gewesen, erzählt sie. Hinfahren, umziehen, unterrichten, umziehen, zurückfahren – alles in zwei Schulstunden, 90 Minuten. „Ich habe die Schwimmlehrer immer bemitleidet.“

Auch das ist kein Einzelfall. In Baden-Württemberg hat jede vierte Grundschule die Schwimmstunden gestrichen. Andernorts müssten sich die Klassen wöchentlich abwechseln, sagt Hoffmann. Die Bäder seien sonst schlicht zu voll. „Wir können aktuell nicht gewährleisten, dass jedes Kind nach der Grundschule schwimmen kann.“

Und die Pandemie verschlimmere das Problem. In den vergangenen Monaten wurde der Schwimmunterricht bundesweit eingestellt: zu hohes Infektionsrisiko. Die Stunden werden wohl in den wenigsten Fällen nachgeholt. „Was ausfällt, fällt aus“, sagt Hoffmann. Eine Perspektive für das kommende Jahr existiere momentan nicht. „Die Landesminister machen sich da unheimlich wenig Gedanken drüber.“ Das GEW-Vorstandsmitglied fordert mehr. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Bäder, mehr Zeit.

Die Forderungen werden zunehmend lauter. Auch in der Bevölkerung. Die DLRG initiierte 2018 eine Petition. Titel: „Rettet die Bäder!“ „Wir wollen, dass der Bund die Kommunen bei den städtischen Bädern unterstützt“, sagt Holzhause. Der Aufruf fand 120 000 Unterstützer, wurde Thema im Petitionsausschuss des Bundestages. Das Gremium überwies das Vorhaben Anfang Juli an das Innenministerium. Die Behörde soll „das Anliegen überprüfen und nach Möglichkeiten der Abhilfe zu suchen.“ Schließlich sei „sicheres Schwimmen ein wichtiges Kulturgut“.

Der verunglückte 18-Jährige aus Kehl wird das Ergebnis der Debatte nicht mehr erleben. Die Polizei ermittelte die Todesursache schnell: Der Afghane hatte eine Abbruchkante nicht bemerkt. Er war Nichtschwimmer.
© Südwest Presse 11.07.2020 07:45
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