Streitbarer Verleger mit Schlagring

Der Berliner Klaus Wagenbach hat sich oft politisch positioniert – und wichtige Autoren gefördert. Jetzt wird er 90.
  • Klaus Wagenbach feiert am Samstag 90. Geburtstag. Foto: Rainer Jensen/dpa
Den eigenen Verlag verdankt Klaus Wagenbach, der an diesem Samstag 90 Jahre alt wird, einem Rausschmiss und einer Wiese. 1949 beginnt er eine Lehre beim noch vereinten Verlag Suhrkamp/Fischer, wo er erstmals auf das Werk Frank Kafkas trifft. Der Schriftsteller wird zur großen Leidenschaft, Wagenbach promoviert über den Autor. Der Kauf von Fischer durch Holtzbrinck bringt einschneidende Konsequenzen: die neuen Chefs kündigen Wagenbach, nachdem er sich bei der Staatsanwaltschaft über die Verhaftung eines DDR-Verlegers während der Buchmesse beschwert.

Befreundete Autoren prophezeien ihm, mit seinen Standpunkten bei keinem Verlag unterzukommen. Ein eigener Laden muss her. Sein Vater vermacht ihm eine Wiese auf dem Feldberg – der Verkaufserlös finanziert die ersten Bücher. Das frühe Verlagsmotto „Geschichtsbewusstsein, Anarchie, Hedonismus“ ist Hinweis auf Wagenbachs Welt und die Kämpfe der jungen Demokratie gegen Verdrängung der NS-Vergangenheit.

Unter den ersten Titeln sind Autoren wie Kurt Wolff, Christoph Meckel, Günter Grass, Hans Werner Richter und Ingeborg Bachmann. Wagenbach bringt „Die Drahtharfe“ heraus, eine Auswahl aus Balladen, Gedichten und Liedern des noch weitgehend unbekannten Wolf Biermann.

Wagenbach steht für eine Kultur der Einmischung und des demokratischen Streits. Er gilt als Prototyp des politischen Verlegers der 68er Bewegung. Immer wieder gibt es Hausdurchsuchungen, Prozesse, Verurteilungen. Der Jurist an seiner Seite hieß Otto Schily, der spätere RAF-Anwalt und noch spätere deutsche Bundesinnenminister. Dem „Spiegel“ sagt Wagenbach: „Vor allem Ulrike Meinhof war mir nahe, aber ich habe nie verstanden, wie sie auf diesen Weg geraten ist.“ Er veröffentlicht Texte der späteren RAF-Terroristin, hält die Rede an ihrem Grab. Gleichzeitig bringt ihm ein Buch Peter Brückners über Meinhof eine Drohung von Gudrun Ensslin ein. Wagenbach steckt sich eine Zeit lang vorsorglich den Schlagring seines Urgroßvaters in die Tasche.

„Der unabhängige Verlag für wilde Leser“, so die spätere Eigensicht, bringt mit Hans Magnus Enzensberger das „Kursbuch“ und später den „Freibeuter“ heraus. 2002 übernimmt Susanne Schüssler den Verlag, Wagenbachs dritte Ehefrau. Gerd Roth
© Südwest Presse 11.07.2020 07:45
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