„Ein gutes Stück Zukunft“

Stefan Kaufmann ist der Wasserstoff-Beauftragte der Bundesregierung. Er erklärt, warum die Technologie für Deutschland wichtig ist.
  • Will die Zukunft der Energieversorgung mitgestalten: „Mr. Wasserstoff“ Stefan Kaufmann. Foto: BMBF; Hans-Joachim Rickel
An der Wand über Stefan Kaufmanns Schreibtisch hängt eine Weltkarte, auf der Dutzende Fähnchen markieren, wo der Stuttgarter schon hingereist ist. In seiner neuen Funktion als Wasserstoff-Beauftragter der Bundesregierung wird Kaufmann noch viel mehr unterwegs sein. Los geht's am Montag, wenn Kaufmann zusammen mit Forschungsministerin Anja Karliczek die Salzgitter AG besucht. Vorher berichtete „Mr. Wasserstoff“ von seinen Aufgaben und Zielen.

Herr Kaufmann, schon Jules Verne hat geschrieben, dass Wasser die Kohle der Zukunft ist. Ist diese Zukunft jetzt da?

Stefan Kaufmann: Ein gutes Stück davon. Wir können auf eine Zukunft mit deutlich weniger CO2-Emissionen hoffen. Wasserstoff ist ein Versprechen für die deutsche Industrie und den Anlagenbau, diese Zukunft zu gestalten.

Dann schauen wir uns diese Zukunft einmal an: Wo steckt in zehn Jahren überall Wasserstoff drin?

In der Chemie- und Stahlindustrie, also bei Letzterer auch in den Hochöfen: Die sind die größte Herausforderung und auch die größte Chance bei der Dekarbonisierung. Sicherlich auch in Lkws, in Zügen, in Flugzeugen und in Schiffen. Auch in einem Teil der Pkw-Flotte. Da wird es sicher noch eine Zeitlang ein Nebeneinander verschiedener Antriebstechnologien geben.

In den 90ern gab es schon einmal einen Wasserstoff-Hype. Die deutsche Autoindustrie war Pionier. Daraus ist aber nicht viel geworden. Wieso soll das jetzt anders sein?

Anders als damals hat die Regierung mit der Nationalen Wasserstoffstrategie ein klares Zeichen gesetzt. Sie will den Aufbau einer Wasserstoffindustrie. Da werden nicht nur die neun Milliarden Euro aus dem Konjunkturpaket in die Hand genommen, in den einzelnen Ministerien stehen auch Mittel bereit. Früher hingegen haben ambitionierte Förderanreize gefehlt. Im Übrigen ist die Veränderungsbereitschaft vielerorts enorm gestiegen. Industrie und Investoren setzen jetzt voll auf Klimaschutz.

Sie haben das Ziel gesetzt, dass Deutschland in der Wasserstoffbranche das wird, was Google und Facebook im Digitalbereich sind. Was heißt das?

Das ist natürlich etwas plakativ. Wir haben schon sehr viele Unternehmen, die in dem Bereich tolle Lösungen entwickelt haben. Außerdem hat Deutschland ausgezeichnete Forschungseinrichtungen, das ist eine große Stärke. Nur mit starker Forschung werden wir Innovationsführer. Schon jetzt haben wir einen Anteil von 20 Prozent an der Industrie. Wenn man das skaliert und bedenkt, wie groß der Bedarf ist, dann geht die Bundesregierung allein im Anlagenbau von 470 000 zusätzlichen Arbeitsplätzen bis zum Jahr 2030 aus. Mir geht es aber auch darum, unsere Innovationsfähigkeit bei diesem Thema unter Beweis zu stellen. Denn nur mit frischen Ideen und Geschäftsmodellen werden wir Weltmarktführer.

In welcher Größenordnung kann die Wasserstoffindustrie kompensieren, was in der Automobilbranche an Arbeitsplätzen gefährdet ist?

Das kann ein wichtiger neuer Arbeitsmarkt werden – auch in der Zulieferindustrie. Den Wandel in der Automobilindustrie können wir alle noch nicht abschätzen. Es hängt davon ab, wie sich die E-Mobilität durchsetzt und wie lange der Diesel noch am Leben bleibt. Entscheidend ist, dass das Innovationsland Deutschland bei Zukunftstechnologien ganz vorn mitspielt. Da kann Wasserstoff in einer sich wandelnden Wirtschaft schon viel kompensieren. Auch mit innovativen Lösungen wie synthetischen Kraftstoffen.

Wäre es angesichts der Probleme beim Ökostromausbau nicht sinnvoll, für einen schnellen Markthochlauf erst mal auf Wasserstoff zu setzen, der aus Gas hergestellt wird?

Wir wollen die Klimaziele erreichen. Dazu müssen wir die Industrie dekarbonisieren. Deswegen haben wir am Ende keine Alternative zu grünem Wasserstoff. Wenn wir mit grauem Wasserstoff aus Gas bei der Herstellung trotzdem noch CO2 emittieren, ist ja nichts gewonnen. Das klare Ziel lautet deswegen, grünen Wasserstoff zu nutzen.

Was genau ist dabei Ihre Aufgabe?

Ich bin derjenige, der dem Thema in der Bundesregierung ein Gesicht gibt. Ich bringe die Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zusammen. Aus guten Ideen sollen rasch konkrete Projekte werden. Dafür werde ich auch im Staatssekretärsausschuss und im Nationalen Wasserstoffrat mit ganzer Kraft arbeiten . . .

. . . einem beratenden Gremium mit Experten aus Forschung und Industrie, in dem Vertreter aus Politik und Verwaltung zu Gast sind.

Genau. Ich begleite außerdem den Ideenwettbewerb „Wasserstoffrepublik Deutschland“ des Bundesforschungsministeriums eng und schaue, wo wir internationale Partner finden. Dafür werde ich bald auch nach Afrika und nach Australien reisen, sobald dies möglich ist. Die Gespräche haben schon begonnen. In diesem Sommer werde ich auch Forschungsprojekte besuchen. Ich ordne gerade die zahlreichen Anfragen und erstelle einen Plan für eine Sommertour. Ziel ist es, Akteure zusammenzubringen. Dafür muss man miteinander sprechen und sich ein eigenes Bild machen. Das Wirtschafts- und das Forschungsministerium hatten ja auch immer mal wieder Reibungspunkte beim Thema Wasserstoff. Jetzt geht es darum, dass wir gemeinsam auf das gesetzte Ziel hinarbeiten.

Lassen Sie uns auf die ausländischen Partner schauen. Der Deutsche Naturschutzring warnt vor einem „Energie-Kolonialismus“. Wie begegnen Sie dem?

Wir wollen Partnerschaften mit Afrika auf Augenhöhe. Wir haben eine ganz andere Strategie als die Chinesen. Die kaufen Häfen, bauen Infrastrukturen und wollen irgendwann eine Gegenleistung. So funktioniert es bei uns nicht. Wir suchen gleichberechtigte Partnerschaften, von denen beide Seiten profitieren. Die grüne Wasserstoffwirtschaft kann zu einem wichtigen Impulsgeber für nachhaltiges Wachstum in Afrika werden, das den Menschen – gerade auch jungen Menschen – vor Ort neue Perspektiven gibt. Dabei betrachten wir auch die politische Situation. Wir wollen keine Partnerschaften mit diktatorischen oder autokratischen Systemen.

Beim Öl sind wir nicht so wählerisch.

Das müssen und können wir jetzt anders machen. Wir haben beim Wasserstoff ganz andere Möglichkeiten als beim Öl. Ausreichend Wind und Sonne finden wir ja an vielen Orten auf dem Planeten. Mit Tunesien zum Beispiel hätten wir etwa einen möglichen Partner mit einer noch jungen Demokratie, dem wir so helfen könnten, sich zu stabilisieren. Wir wollen ja nicht nur die Energie dort einkaufen, sondern auch Anlagen bauen, Expertise aufbauen und so zu dringend benötigten Arbeitsplätzen und Wohlstand im Land beitragen. Das hat mit Kolonialismus nichts zu tun.
© Südwest Presse 11.07.2020 07:45
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