Leitartikel Dieter Keller zur Krise der Stadtzentren

Rettet die Innenstädte!

  • Dieter Keller Foto: SWP
Die Uhr tickt. Nachdem zum Monatsbeginn die Insolvenz über Galeria Karstadt Kaufhof eröffnet wurde, muss sich rasch entscheiden, ob tatsächlich bundesweit 56 Warenhäuser geschlossen werden – und ob es für die übrigen 116 zukunftsträchtige Konzepte gibt. Damit werden auch die Weichen für zahlreiche Innenstädte gestellt, ob sie veröden, weil sie einen Magneten für die Käufer verlieren.

Der Niedergang der Warenhäuser ist nicht Neues. Er dauert bereits seit Jahrzehnten an. Die Corona-Pandemie hat ihm nur einen zusätzlichen Schub gegeben. Die einstigen Konsumtempel leiden schon lange unter zu geringen Investitionen und dem Fehlen schlagkräftiger Konzepte. Zusätzlich an Attraktivität verlieren die Zentren, weil auch so manches Restaurant, Kino und kulturelle Institution die Corona-Einschränkungen nicht überstehen dürften. Es droht eine Abwärtsspirale, die zu stoppen nicht einfach ist. Es wird nur gelingen, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

Zum Ersten sind die Stadtpolitiker gefragt. Sie müssen mehr in ihre Zentren investieren. In mancher Fußgängerzone wurde seit der Einrichtung vor Jahrzehnten kaum etwas getan. Und wenn doch, dann dauerten die Bauarbeiten Jahre, was mittelständischen Geschäften das Genick brach. Immer wieder wurden überdimensionierte Einkaufscenter genehmigt, die auf Kosten der bestehenden Händler gingen. Das ist auch ein Problem des Planungsrechts. Eine Innenstadt braucht zwar wie ein Theater immer wieder eine Neuinszenierung, aber mit Maß. Es ist niemandem gedient, wenn am Ende sowohl das Center als auch die halbe Innenstadt leerstehen. Nötig ist zudem ein intelligentes Verkehrskonzept, in dem auch Autos noch einen Platz haben.

Zum Zweiten sind die Immobilieneigentümer in der Pflicht. Viele schauen nur nach der kurzfristigen Rendite. Es ist aber schlicht kurzsichtig, erst einmal eine hohe Miete zu kassieren, dann aber bald durch Leerstand gar nichts mehr. Zudem wurden so viele mittelständische Händler verdrängt, die sich die hohen Mieten nicht leisten konnten. Das Ergebnis ist, dass viele Innenstädte gleich langweilig aussehen, weil sich nur große Filialisten die hohen Mieten leisten können. Ein Drogeriemarkt an jeder Ecke kann nicht die Lösung sein.

Damit sind wir zum Dritten bei den Händlern selbst, die mehr Einfallsreichtum entwickeln müssen. Gerade für Mittelständler ist das schwer. Aber mancher stellt sich doch erfolgreich auf die sich wandelnden Wünsche der Kunden ein, auch wenn das eine Sisyphusarbeit ist. Gefragt sind da auch die Mitarbeiter und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die zu wenig auf die Nöte des Handels eingeht.

Der Knackpunkt aber sind die Verbraucher. Sie entscheiden mit ihren Käufen, ob die Innenstädte attraktiv bleiben oder alles ins Internet oder auf die grüne Wiese abwandert. Wer sich erst vom Fachhändler beraten lässt und dann doch online kauft, weil es etwas billiger ist, darf sich hinterher nicht beklagen, dass die City tot ist. Deswegen: Jeder muss sich an die eigene Nase fassen.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 11.07.2020 07:45
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