Das große Rechnen

Aufsteiger VfB Stuttgart stehen nur fünf Millionen Euro für neue Spieler zur Verfügung. Warum ist das eigentlich so?
  • Sven Mislintat ist große Summen gewohnt. Beim VfB Stuttgart kann der Sportdirektor aber „nur“ fünf Millionen Euro ausgeben. Foto: Eibner
Der Mann, den sie in Anlehnung an den tiefenentspannten, dauerkiffenden Althippie aus dem US-Film „The Big Lebowski“ gerne den „Dude“ nennen, wird auch bei achtstelligen Summen nicht nervös. Zu Dortmunder Zeiten empfahl Sven Mislintat die Verpflichtungen von Pierre-Emerick Aubameyang oder Ousmane Dembélé. Als Sportdirektor des VfB Stuttgart gab er vor seiner ersten Saison mehr als 20 Millionen Euro für neue Spieler aus, nachdem sein Arbeitgeber gerade abgestiegen war.

Jetzt ist der VfB in der Bundesliga zurück – und der Dude aus Westfalen würde sich vermutlich gerne daranmachen, den Kader richtig aufzurüsten. Doch gibt es ein Problem. „Ohne Corona hätten wir etwa 30 Millionen Euro mehr investieren können“, sagt Mislintat, „nun sind es etwa fünf Millionen Euro.“

Fünf Millionen. Um Verstärkungen für die Bundesliga zu verpflichten. Um nicht schon wieder abzusteigen. Peanuts auf dem Transfermarkt.

Keine Frage, die Corona-Krise hat (auch) beim VfB Löcher in die Kassen gerissen. Bislang gab es vier Heimspiele ohne Zuschauer, mit weiteren sieben wird vorerst in der neuen Saison kalkuliert. Es fehlen insgesamt mehr als 15 Millionen Euro – die Einnahmen durch Logen und Businessseats nicht mitgerechnet. Auf geschätzte sieben Millionen belaufen sich zudem die gekürzten Fernsehgelder für die alte und neue Saison. Macht in Summe also ungefähr jene 30 Millionen Euro, die dem VfB nun für Neuzugänge fehlen. Riesen Summen für einen Aufsteiger, dessen Mitarbeiter sich weiter in Kurzarbeit befinden.

Transfers bringen 160 Millionen

Andererseits: Auch ein Fehlbetrag in solcher Dimension verliert an Dramatik, wenn man sich an die gewaltigen Summen erinnert, die in den vergangenen Jahren in die VfB-Kassen geflossen sind. Wo sind sie also geblieben, die vielen Millionen aus jener Zeit?

Seit dem ersten Abstieg 2016 hat der VfB durch den Verkauf von Spielern rund 160 Millionen Euro eingenommen. Allein 35 Millionen brachte der Transfer von Weltmeister Benjamin Pavard, Erlöse in jeweils zweistelliger Millionenhöhe spülten auch die Abgänge von Ozan Kabak, Timo Baumgartl, Santiago Ascacibar, Daniel Ginczek, Timo Werner und Filip Kostic in die Kassen. Für Neuzugänge bezahlte der VfB im gleichen Zeitraum rund 122 Millionen. Nimmt man die 41 Millionen hinzu, die Daimler nach der Ausgliederung 2017 in die VfB-AG investiert hat, bleibt ein Überschuss von 79 Millionen.

Etwa 40 Millionen Euro kosteten die beiden Jahre in der zweiten Liga, allein durch die reduzierten Fernsehgelder, der wichtigsten Einnahmequelle im Profifußball. Andere Summen zeigen, wie weit Anspruch und Realität beim VfB trotzdem noch immer auseinanderliegen. Den jüngst von der Deutschen Fußball-Liga veröffentlichten Finanzkennzahlen der 36 Profivereine ist zu entnehmen, dass die Personalkosten des VfB im Geschäftsjahr 2019 (in dem der Klub in der ersten Hälfte erstklassig war) bei 75,8 Millionen Euro lagen. Ligaübergreifend bedeutet dies Platz zehn. Der SC Freiburg kam mit 45 Millionen aus, der FC Augsburg sogar mit nur 38 Millionen. Die Dienste von Spielerberatern ließ sich der VfB 12,5 Millionen kosten – Rang acht unter den 36 Vereinen. Man will sich lieber nicht vorstellen, wie es dem Klub nun ginge, wäre die sofortige Bundesliga-Rückkehr missglückt.

Trotz der horrenden Ausgaben verbuchte der VfB – anders als in den beiden Vorjahren, als die Verluste in je zweistelliger Millionenhöhe lagen – 2019 einen Gewinn von 9,3 Millionen Euro. Hauptgrund: der Transferüberschuss im vergangenen Sommer in Höhe von rund 56 Millionen. Dank dieser Transfers sei der VfB in der Corona-Krise „nicht ganz so tief gefallen“, sagt Vorstandschef Thomas Hitzlsperger. „Um in der ersten Liga konkurrenzfähig zu bleiben, sollten wir in der Lizenzmannschaft nicht überall den Rotstift ansetzen.“

„Diamantenauge“ gefragt

Leichter gesagt als getan. Die Personalkosten müssen weiter reduziert werden. Und die fünf Millionen Euro, die laut Sven Mislintat für Neuzugänge zur Verfügung stehen, dürften gerade so reichen, um den Defensivmann Waldemar Anton von Hannover 96 zu verpflichten. Bräuchte die Mannschaft nicht dringend weitere bundesligaerfahrene Kräfte? Bleibt nichts anderes übrig, als Nicolas Gonzalez und/oder Orel Mangala zu verkaufen, die einzigen VfB-Profis mit einem Marktwert jenseits von sieben Millionen? „Bei diesem Kader könnte ich nicht ruhig schlafen“, sagte Ex-VfB-Profi Thomas Berthold dem „Kicker“.

Sven Mislintat, so hoffen sie beim VfB, wird es schon richten. Schließlich wird er nicht nur „Dude“ genannt, sondern auch „Diamantenauge“.
© Südwest Presse 11.07.2020 07:45
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