Kommentar Erwin Zoll zum Mordprozess von Rot am See

Tiefe Wunden

  • Erwin Zoll, Hohenloher Tagblatt Foto: Hohenloher Tagblatt

Das Urteil ist gesprochen, und es ist nachvollziehbar, doch von Erleichterung kann keine Rede sein – und zwar nicht nur, weil Überlebende und Hinterbliebene vom Strafmaß enttäuscht sein mögen. Zu schrecklich waren die Ereignisse vom 24. Januar im „Deutschen Kaiser“, zu tief sind die seelischen Wunden, die der Prozess erneut aufgerissen hat, als dass einfach wieder der Alltag einkehren könnte. Das gilt für die Überlebenden der Schüsse, darunter zwei Kinder im Alter von damals 12 und 14 Jahren, die alle traumatisiert sind und noch lange an den Folgen zu tragen haben werden. Das gilt für Angehörige und Freunde der Opfer, die auch nach dem Prozess nicht verstehen können, wie das hat passieren können.

Das gilt aber auch für die Menschen in Rot am See, die Nachbarn und Besucher des „Deutschen Kaisers“, die Fußballfans, die sich dort getroffen haben, oder die Stammgäste, die dort Silvester gefeiert haben. Ihnen allen hat der Wirt ein kleines Stück Heimat geboten, ein zweites Zuhause und in manchen Fällen sogar mehr als das: ein bisschen Familienanschluss.

Das ist für alle Zeiten vorbei. Bei Suneff, wie der Wirt genannt wurde, wird niemand mehr ein Bier trinken. Und der Name der Gemeinde Rot am See wird noch lange verbunden sein mit einem furchtbaren Verbrechen, aber hoffentlich nicht für immer.
© Südwest Presse 11.07.2020 07:45
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