Der Hahn kam vor dem Huhn

Gaming-Firmen machen mit einer einfachen Idee Milliarden-Umsätze. Sie lässt sich auf vier Romane zurückführen – und auf brutale Tierkämpfe.
  • Das Computerspiel „Fortnite“ wurde ein weltweiter Erfolg – nachdem es einen „Battle Royale“-Modus bekam. Foto: Epic Games
Ein simpler Spielmodus fesselt weltweit hunderte Millionen Gamer: Dutzende von ihnen kämpfen in einer virtuellen Welt gegeneinander, die immer kleiner wird. Wer am längsten überlebt, gewinnt. Das ist das „Battle Royale“. Der Modus ist erst wenige Jahre alt, doch ähnliche Gefechte gab es schon vor Jahrhunderten – bei Hahnenkämpfen.

Der Göttinger Ökonom Johann Beckmann veröffentlichte 1805 den fünften Band seiner „Beiträge zur Geschichte der Erfindungen“. Darin widmet er sich in einem Kapitel dem Hahnenkampf. Beckmann schreibt, dass Menschen in England noch Anfang des 19. Jahrhunderts das sogenannte „battle-royal“ austrugen: „Bei jenem wird eine gewisse Anzahl Hähne zusammengehetzet, und wenn diese sich einander gemordet haben, so heißt der überlebende der Sieger und erhält den ausgesetzten Preis.“

Ähnliche Massenkämpfe gab es zwischen Männern, später entwickelte sich daraus das Battle Royal beim Wrestling: Mehrere Wrestler kämpfen gleichzeitig gegeneinander und versuchen, sich gegenseitig aus dem Ring zu werfen. Das „E“ am Wortende von Royale kam wohl erst 1999 dazu. Damals griff der japanische Autor K?shun Takam das Konzept in seinem Roman „Battle Royale“ auf. Im Buch geht es um eine Gruppe von Highschool-Schülern, die gezwungen werden, sich gegenseitig umzubringen. Nur einer von ihnen darf überleben. Ein Jahr später erschien der gleichnamige Film.

Die Idee solcher Kämpfe auf Leben und Tod findet sich auch in der Bestseller-Trilogie „Die Tribute von Panem“. In der dystopischen Welt der amerikanischen Schriftstellerin Suzanne Collins veranstalten die Herrschenden einmal im Jahr sogenannte Hungerspiele. 24 Mädchen und Jungen aus den zwölf Distrikten der Nation müssen gegeneinander kämpfen, das Fernsehen zeigt live, wie sich die Tribute gegenseitig töten.

Auch „Die Tribute von Panem“ wurde verfilmt, 2012 kam der erste Teil in die Kinos. Einige Gamer waren von den Hungerspielen im Film so fasziniert, dass sie die Kämpfe online nachstellten. Sie programmierten eine Erweiterung für das Spiel „Minecraft“, in dem Spieler eigentlich Gebäude bauen und die virtuelle Welt erkunden. Nun konnten Menschen auf der ganzen Welt digitale Hungerspiele austragen.

Der Ire Brendan Greene entwickelte eine ähnliche Erweiterung für die Militärsimulation „Arma“. Daraus entstand 2017 das Shooterspiel „Playerunknown's Battlegrounds“ (PUBG): 100 Spieler landen auf einer Insel, rüsten sich mit Waffen aus und kämpfen gegeneinander, bis nur noch einer am Leben ist. Den Spielmodus nannte Greene: Battle Royale.

PUBG wurde ein großer Erfolg, unter Gamern gilt es bis heute als besonders spannendes und anspruchsvolles Spiel. Denn jede Runde läuft anders ab als die vorherige. Wer gerade die Oberhand hat, kann im nächsten Moment schon im Kreuzfeuer stehen. „Das ist der fairste Weg, die Spieler zu testen“, sagte Greene dem US-Magazin Vice. „Bist du gut in jeder Situation, oder nur in einer Situation, die du gewöhnt bist?“

Schnell begannen andere Entwickler, sich für den neuen Spielmodus zu interessieren. Einer der ersten Nachahmer war „Fortnite“, das ein Update mit einem Battle-Royale-Modus bekam. Der Shooter wurde zu einem der erfolgreichsten Computerspiele der Welt, 2018 machte der Hersteller „Epic Games“ mit ihm einen Umsatz von 2,4 Milliarden US-Dollar.

Battle Royale ist mittlerweile ein eigenes Genre geworden. Ein-Mann-Betriebe, kleine Studios, große Konzerne: Sie alle entwickeln Spiele, die PUBG und Fortnite stark ähneln, und hoffen auf Rekordgewinne. Bisher sind die meisten dieser Games Shooter, aber das britische Studio Mediatonic hat das Konzept bereits weiter gedacht. Im August will das Unternehmen ein Computerspiel veröffentlichen, das so gar nicht in die Gewalt-Schublade passt.

Kinderfreundliche Alternative

Bei „Fall Guys: Ultimate Knockout“ steuert jeder der 60 Spieler ein kleines Männlein mit kurzen Beinen und langen Armen. Die Fall Guys sind unbewaffnet, sie treten in einem bunten Hindernis-Parcours gegeneinander an. Den müssen sie möglichst schnell bewältigen. Wer zu langsam ist, scheidet aus. „Fall Guys“ basiert auf TV-Shows wie „Takeshi's Castle“, das bis 1989 in Japan gedreht und 1999 erstmals in Deutschland ausgestrahlt wurde.

Mit der Brutalität von Hahnenkämpfen hat das nichts mehr zu tun, Fachmedien bezeichnen das Spiel als kinderfreundliches Battle Royale. Erste Videos zeigen: Die unbeholfenen Männlein müssen über Drehscheiben hopsen, einen riesengroßen Fußball in ein Tor schubsen oder über bewegliche Hindernisse springen.

Ihren Fall Guy können die Spieler verkleiden. Die Figuren stolpern etwa kostümiert als Pommestüte, Mammut oder Astronaut durch die Spielwelt. Und als Huhn.
© Südwest Presse 20.07.2020 07:45
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