Justiz

Zwei Stunden Martyrium

Das Landgericht sieht im Prozess zur Freiburger Gruppenvergewaltigung die Schuld von zehn der elf Angeklagten als erwiesen an. Der Haupttäter muss fünfeinhalb Jahre ins Gefängnis.
  • Vor der Urteilsverkündung in Freiburg: Die Angeklagten verhüllen ihr Gesicht. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa
Das Argument der meisten Angeklagten, die 18-Jährige habe den Sex mit ihnen gewollt, konnte das Gericht nicht überzeugen. Deshalb verurteilte es zehn der elf Angeklagten wegen der Freiburger Gruppenvergewaltigung zu Haftstrafen zwischen fünfeinhalb Jahren und mehreren Monaten. Einer der jungen Männer wurde freigesprochen. Er hatte der Frau geholfen, aus dem Gebüsch zu kommen, in dem sie in der Nacht zum 14. Oktober 2018 mehrfach vergewaltigt worden ist. Damit ist am Donnerstag einer der größten Prozesse in der Geschichte des Landgerichts Freiburg nach über einem Jahr Verhandlungsdauer zu Ende gegangen.

Nach 42 Verhandlungstagen war das Gericht unter Vorsitz von Richter Stefan Bürgelin zur Überzeugung gekommen, dass die damals 18-Jährige nicht mehr in der Lage gewesen war, sich gegen die Männer zu wehren. Sie hatte in der Disco zu viel Alkohol getrunken und eine Ecstacy-Tablette eingenommen. „Sie hatte keine Erfahrung damit“, sagte Bürgelin. Nachdem sie von Majd H. vor der Disco vergewaltigt worden war, sei sie in einen Zustand großer Verwirrtheit, Desorientierung und Koordinierungslosigkeit geraten. „Sie konnte das Wäldchen aus eigener Kraft nicht mehr verlassen“, sagte Bürgelin.

„Majd H. ist der Haupttäter. Er hat das Ganze ins Rollen gebracht“, sagte der Richter. Der syrische Flüchtling wurde zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt.

Nachdem er die Frau vergewaltigt hatte, ging Majd H. zurück in die Disco und machte seinen Kumpel Alaa A. auf die Frau aufmerksam. Der hatte ihr das Ecstacy verkauft. Auch er ging hinaus, vergewaltigte die Frau, ließ sie liegen und informierte andere Männer. Nacheinander gingen einige hinaus und vergewaltigten die Frau. Diejenigen, die sich nicht an ihr vergingen, ließen sie einfach liegen, halfen ihr nicht.

Nach über zwei Stunden schaute auch Muhanad M. nach ihr. Im Gegensatz zu den anderen half er ihr, auf die Beine zu kommen und sich anzuziehen. Er nahm die 18-Jährige und ihre Freundin mit auf sein Zimmer im Flüchtlingswohnheim, ohne ihnen zu nahe zu kommen. Am Morgen ging die 18-Jährige zur Polizei.

Muhanad M. geriet ebenfalls ins Visier der Ermittler. Doch er wurde freigesprochen und erhält eine Haftentschädigung. „Er saß elf Monate unschuldig in Untersuchungshaft“, sagte der Richter. Schon am ersten Verhandlungstag hatte sein Verteidiger Jan Georg Wennekers betont, dass er seinen Mandanten für unschuldig hält. Tatsächlich sind von M. am Tatort und am Opfer keine belastenden DNA-Spuren gefunden worden. Die 18-Jährige hatte ihn in ihrer Aussage als „Retter“ bezeichnet.

Die anderen jungen Männer, denen das Gericht eine Vergewaltigung der Frau nachweisen konnte, erhielten Haftstrafen zwischen eineinhalb und vier Jahren. Das Gericht folgte mit dem Strafmaß im wesentlichen den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Zwei der Angeklagten erhielten Bewährungsstrafen von vier beziehungsweise sechs Monaten – wegen unterlassener Hilfeleistung. Sie hatten der Frau nicht geholfen, obwohl ihnen deren Lage durchaus bewusst war.

Das Gericht stellte bei einigen der Angeklagten Flucht- und Gewalterfahrungen in Rechnung. Es betonte aber auch, dass Vorstrafen bei Einzelnen zur Strafverschärfung geführt hätten. Das galt auch für Timo P., den einzigen Deutschen ohne Migrationshintergrund. Er wurde wegen Vergewaltigung zu vier Jahren Haft verurteilt. Timo P. habe „ganz erhebliche Vorstrafen“, sagte der Richter. Er appellierte an ihn: „Sie müssen endlich schauen, dass sie die Kurve kriegen und ihr Leben ändern.“ Diesen Appell richtete er an alle: „Alle haben die Chance, es künftig besser zu machen.“

Die vergewaltigte 18-jährige Frau hatte vor dem Abend keine Erfahrung mit Drogen. Psychologische Gutachter bescheinigten ihr, sie scheine während der Vergewaltigung in einem psychose-ähnlichen Zustand gewesen zu sein, der eine Gegenwehr unmöglich gemacht habe. Sie selbst sprach in ihrer Aussage, die das Gericht zitierte, von bloßen „Erinnerungsinseln“.

Alle Behauptungen, die Frau habe den Sex mit den Männern im Alter zwischen 18 und 30 Jahren gewollt, nannte das Gericht „eine Standardeinlassung von Angeklagten bei Vergewaltigungsprozessen“ und nicht glaubhaft. Die junge Frau hat als Folge der Tat mit schweren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen.

Corona verlängert Prozess

Für alle Angeklagten falle die lange Prozessdauer mildernd ins Gewicht, erklärte die Jugendkammer. Der Prozess hat über ein Jahr gedauert und wurde durch den Corona-Lockdown zusätzlich verzögert. Die Kritik von verschiedenen Seiten, die Strafen seien zu milde, teilen Thorsten Krapp und Rainer Schmid von der Staatsanwaltschaft nicht. Insgesamt seien fast 30 Jahre Haft verhängt worden, sagen sie. Auf die Frage nach den Kosten des Verfahrens sagen sie: „Das ist wahrscheinlich der teuerste Strafprozess, den Freiburg je erlebt hat.“
© Südwest Presse 24.07.2020 07:45
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