Interview

„Wetterprognosen werden unpräziser“

  • Meteorologe Andreas Friedrich. Foto: Bucher/Deutscher Wetterdienst
Die Krise der Airlines erschwert vieles. Auch Wetterprognosen, wie App-Nutzer erleben mussten. Andreas Friedrich, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst (DWD), erklärt warum.

Meteorologen beklagen, dass kaum noch Flugzeuge fliegen. Wo besteht da der Zusammenhang?

Andreas Friedrich: Wir brauchen für Vorhersagen möglichst viele Daten – etwa Temperaturen, Niederschläge, Winde – aus der ganzen Welt. Was heute in Australien passiert, kann in einer Woche unser Wetter beeinflussen. Wetterstationen, Schiffe und Bojen informieren über die Situation am Boden. Aber Wetter findet auch in höheren Luftschichten statt. Daher haben viele Flugzeuge Sensoren, die uns automatisch Daten liefern. Die sind enorm wichtig.

Warum?

Die meisten Flugzeuge fliegen in einer Höhe von zehn bis zwölf Kilometern. Das ist auf dem Niveau der Jetstreams ( starke Winde in der Stratosphäre, Anm d. Red. ). Die Winde bestimmen oft, wie Hoch- und Tiefdruckgebiete verlaufen. Das kann das Wetter maßgeblich beeinflussen. Die Beobachtungen sind uns am Anfang der Corona-Krise fast komplett weggebrochen. Auch jetzt erhalten wir weniger Daten als früher.

Was bedeutet das?

Unsere Wetteranalysen sind nicht mehr so genau. Dadurch werden auch die Vorhersagen unpräziser.

Also ist auf den Wetterbericht kein Verlass mehr?

Doch, natürlich! Für den normalen Nutzer ist das Problem kaum spürbar. Es kann höchstens passieren, dass mittelfristige Vorhersagen – also etwa eine Woche – nicht mehr so zuverlässig sind. Aber für die kurzfristigen Prognosen hat das kaum Folgen.

Und wie sieht es mit Unwetterwarnungen aus?

Wir rechnen tatsächlich damit, dass wir Tiefdruckgebiete im Winter etwas unschärfer prognostizieren können. Also wann genau ein Sturm aufkommt, und wie groß die Niederschlagsmenge ist. Doch da geht es um Nuancen. Unsere Warnungen bleiben zuverlässig. Zudem versuchen wir, den Ausfall der Flugdaten zu kompensieren.

Wie soll das gelingen?

Wir lassen mehr Wetterballone steigen, die uns über die Bedingungen in der Höhe aufklären. Zudem gibt es seit Mai einen neuen Satelliten, der zusätzliche Winddaten liefert. Jedoch sind die Informationen nicht so genau und so detailliert. Wir würden uns freuen, wenn wir bald wieder Flugzeugdaten in alter Qualität erhalten. Christian Kern
© Südwest Presse 24.07.2020 07:45
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