Ein Muster-Sozialdemokrat mit felsenfesten Grundsätzen

Die Politik trieb ihn bis zuletzt um: Hans-Jochen Vogel, erst Münchner OB, später Minister und Kanzlerkandidat, galt stets als gutes Gewissen seiner Partei.
  • Drei Weggefährten auf dem SPD-Parteitag 1984 (v.l.n.r): Hans- Jochen Vogel, Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt und der damalige SPD-Vorsitzende Willy Brandt. Foto: Horst Ossinger/dpa
Noch im hohen Alter trieben der drohende Zerfall Europas und die Lage der SPD Hans-Jochen Vogel um. Der Ex-SPD-Chef schrieb trotz seiner Parkinson-Erkrankung im Sommer 2019 sein letztes Buch, dem er den Titel „Mehr Gerechtigkeit“ gab. Nun ist er im Alter von 94 Jahren in München gestorben.

In der SPD galt Vogel immer als Muster-Politiker und gutes Gewissen mit unerschütterlichen moralischen Grundsätzen. Er fühlte und litt auch hochbetagt mit – mit der Politik, mit seiner Partei, auch mit seinen Nachfolgern. Und dann ermahnte er seine Partei, selbstbewusst zu sein: „Was die Sozialdemokratie für Freiheit und Demokratie und Gerechtigkeit in 150 Jahren geleistet hat! Wir sollten nie in Vergessenheit geraten lassen, dass die Sozialdemokraten 1933 die Ehre der Demokratie hochgehalten haben. Wir sind nicht eine Tageserfindung, sondern wir sind ein gestaltendes Element der deutschen Geschichte.“

Vogel selbst hat diese deutsche Geschichte ein Stück weit mitgestaltet: Mit 34 Jahren wurde der in Göttingen geborene Professoren-Sohn Oberbürgermeister in München. Er half, die Olympischen Spiele 1972 nach München zu holen. Wegen heftiger Auseinandersetzungen mit der SPD-Linken warf er das Handtuch und ging in die Bundespolitik.

Die Karriere von Hans-Jochen Vogel war gezeichnet von Glanzpunkten wie Niederlagen: Bundesbau- und Bundesjustizminister, für knapp vier Monate Regierender Bürgermeister in Berlin, SPD-Partei- und Fraktionschef – und Kanzlerkandidat. Doch da unterlag er Helmut Kohl.

Vor der härtesten Bewährungsprobe stand Vogel während der Zeit des RAF-Terrorismus. „Die schwierigste Entscheidung, an der ich beteiligt war, war die Entscheidung nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer und nach der Entführung der ,Landshut'“, sagte Vogel, der damals Justizminister war. Es war die Entscheidung, der Forderung der RAF-Terroristen nicht nachzugeben. Schleyer starb. Diese Monate schweißten Vogel und den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt zusammen und ließen sie zu Freunden werden.

„Seid nicht so wehleidig“

Tausenden Mitbürgern aus Not und Bedrängnis konkret geholfen zu haben, war für Vogel der persönlich wichtigste Erfolg. Wer sich hilfesuchend an „Doktor Vogel“, wie ihn viele Parteifreunde in einer Mischung aus aufrichtigem Respekt und ironischer Distanz nannten, blieb nie ohne Antwort. „Führen heißt dienen“, war eine von Vogels Maximen.

Seinen Rückzug aus der Politik plante er sorgfältig. In seiner letzten Rede im Bundestag nach 22 Jahren im Juni 1994 zitierte der gläubige Katholik Papst Johannes XXIII.: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig.“ Dies sei auch ein gutes Leitwort für ihn, um Abschied zu nehmen. Jahre später rief er den Sozialdemokraten zu: „Seid nicht so wehleidig“. Vogel und seine Weckrufe werden nicht nur der SPD fehlen. Marco Hadem, Christoph Trost, dpa
© Südwest Presse 27.07.2020 07:45
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