Leitartikel Ellen Hasenkamp zum Kandidatenrennen der Union

Ungeliebter Sommerhit

  • Ellen Hasenkamp. Foto: MMH
Genau das hatten sie an der CDU-Spitze eigentlich nicht gewollt: Personalspekulationen als willkommenes Füllmaterial für sich öffnende Sommerlöcher. Wenn nun aber Nessie nicht schleunigst irgendwo auftaucht, könnte es sein, dass in den nächsten Wochen vor allem zwei Fragen hin- und hergewendet werden: Wer wird CDU-Chef? Und wer wird Kanzlerkandidat der Union? Dass mit der ersten Antwort nicht auch gleich die zweite gegeben ist, bedeutet schon mal einen Riesenerfolg für CSU-Mann Markus Söder – und ein Riesenärgernis für die Christdemokraten. Denn eigentlich, darauf wies Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer unlängst in einem Interview ausdrücklich hin, gelte die alte Regel: Wer Chef der Bundes-CDU werden will, bewirbt sich automatisch auch als Kanzlerkandidat.

Nun hat ebendiese Verknüpfung zwischen Parteivorsitz und Regierungsamt zuletzt ein paar Ermüdungserscheinungen gezeigt: Erst machte Kanzlerin Angela Merkel mit ihrem Rückzug von der CDU-Spitze eine (befristete) Ausnahme, dann nahm AKK als Parteichefin Abschied vom Anspruch auf die Kanzlerkandidatur und begründete damit im Februar auch ihren Verzicht auf den Vorsitz. Den sie aber, wegen Corona, immer noch inne hat.

Als wäre das alles nicht schon kompliziert genug, geht es auch im Bewerberfeld unübersichtlich zu. Wacker versucht die Partei, den Konkurrenzkampf als schönes Beispiel für Vielfalt und Personalreichtum der CDU zu verkaufen. In Wahrheit aber wäre es vielen Christdemokraten am liebsten, die drei Kandidaten hätten die Sache mit dem Vorsitz geräuschlos unter sich ausgemacht. Dass es inzwischen eigentlich sogar wieder vier Kandidaten sind, macht die Sache nicht leichter. Denn Gesundheitsminister Jens Spahn hat in der Pandemie derart an Statur und Beliebtheit gewonnen, dass er es wohl inzwischen selbst bereut, sich als Juniorpartner ins Team von Ministerpräsident Armin Laschet einsortiert zu haben. Ausgerechnet an jenem Tag übrigens, da Sars-CoV-2 in Heinsberg entdeckt wurde. Dass inzwischen Spekulationen herumgereicht werden, wonach Laschet ja Bundespräsident werden könnte, um den Weg für Spahn frei zu machen, zeigt das Ausmaß der Verzweiflung. Immerhin wird hier mal so eben das höchste Staatsamt verschachert.

Und was den Personalreichtum betrifft: Sämtliche Bewerber kommen aus Nordrhein-Westfalen, und man fragt sich schon, was der christdemokratische Nachwuchs in den übrigen Bundesländern so macht. Die Lage der CDU ist also trotz der derzeit guten Umfrageergebnisse alles andere als komfortabel.

Womit wir wieder bei Söder wären: Der Bayer erzielt derzeit die besten Werte als möglicher Kanzlerkandidat, gefällt sich in seiner potenziellen Retter-Rolle und hält sich ansonsten bedeckt. Was nicht wenige Christdemokraten zunehmend ärgert. Gelaufen ist das Rennen jedenfalls noch nicht. AKK ließ sogar die Hoffnung erkennen, dass sich doch noch eine Frau einschalten möge. Sie muss ja nicht gerade Nessie heißen.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 27.07.2020 07:45
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