Protestbewegung Maria 2.0

Virus bremst den Unmut nicht

Die Coronakrise hat die Gräben in der katholischen Kirche sichtbarer gemacht. Auch Ordensfrauen protestieren gegen die Macht der Kirchenmänner.
  • Schweigen wollen die Frauen von Maria 2.0 nicht mehr. Foto: Elisabeth Zoll
Die Augen richten sich auf den Betrachter. Dutzendfach. Offen ist der Blick, verschlossen oft der Mund. Die Künstlerin Lisa Kötter hat für kurze Zeit Frauen ins Haus der katholischen Kirche in Stuttgart gebracht. Eines ihrer Bilder gab vor gut einem Jahr der Bewegung „Maria 2.0“ ein Gesicht: Der Frau mit Schleier war der Mund zugeklebt. Frauen aus Münster haben Maria 2.0 mit einem Kirchenstreik angestoßen.

Inzwischen gibt es bundesweit Gruppen. Die Corona-Pandemie hat in diesem Jahr aber viele Aktionen unmöglich gemacht. „Tot ist die Bewegung deshalb nicht“, sagt Claudia Schmidt, Geistliche Beirätin des Katholischen Deutschen Frauenbundes der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der den Gruppen bei der Vernetzung hilft. „Jedoch hängt die ein oder andere Gruppe in den Seilen.“

Das Coronavirus hat viele Selbstverständlichkeiten in den Kirchen durchbrochen. Öffentliche Gottesdienste waren nicht mehr möglich. Mancher Priester zog sich allein zur Messfeier in die Kirche zurück, die Gemeinde war allenfalls per Video dabei. Gegen diese Exklusivität, die geweihten Männern vorbehalten ist, erhebt sich Widerstand.

Auch von Ordensfrauen: „Einer Priorin/Oberin steht die geistliche Leitung einer Gemeinschaft zu – aber nicht der Vorsitz bei der Eucharistiefeier. Welches Gemeindebild, welches Priesterbild und welches Frauenbild stehen dahinter? Hier zeigen sich eine Schieflage der katholischen Kirche und eine extreme Abhängigkeit der (Ordens-)Frauen von einem geweihten Mann“, heißt es in einem offenen Brief von zehn Ordensfrauen der Gruppe „Ordensfrauen für Menschenwürde“, die sich im Herbst 2018 gegründet hat. „Diese Abhängigkeit nimmt uns die Würde“, betonte Schwester Susanne Schneider, Mitglied der Gruppe. Und weiter: „Wir erleben, dass das kirchliche Amtsverständnis sehr stark in der Gefahr ist, ungute Machtverhältnisse zu zementieren – und das auf Kosten des Heilsgeschehens für alle Menschen.“

Die erzwungene Leere während der Corona-Wochen hat die Gräben in der katholischen Kirche sichtbarer gemacht. Hinterfragt werde seither die Konzentration auf die Eucharistie und die damit verbundene Macht der Kirchenmänner. „Wir erleben mehr Frauen, die sich unabhängig machen von der Amtskirche und sich trotzdem katholisch fühlen“, sagt Claudia Schmidt. Diese Frauen wollten ihren Glauben leben, aber sich nicht mehr abarbeiten an den Strukturen der Kirche. Claudia Schmidt: „Da fährt gerade ein Zug weg und der ist besetzt mit engagierten Frauen.“

Die Rebellion wird getragen von überwiegend Älteren, die bereits ein halbes Leben für Reformen in der Kirche gekämpft haben. In der Dramatik sei das noch nicht bei jedem Bischof angekommen, glaubt Claudia Schmidt.

Möglicherweise wird sich das ändern, wenn Gruppen von Maria 2.0 während der Bischofskonferenz im Herbst zur Mahl-Feier, einer sogenannten Agape-Feier, einladen und damit einen Weg beschreiten, der liturgisch zwar erlaubt, aber als Konkurrenz zur Eucharistiefeier betrachtet werden kann. Spätestens dann dürften auch dem ein oder anderen Bischof Zweifel kommen, ob er tatsächlich noch das Heft des Handelns in der Hand hat.

Der Unmut an der Frauenbasis jedenfalls ist groß. „Manche geben dem Synodalen Weg noch eine letzte Chance“, sagt Claudia Schmidt. Mit ihm sollen Reformen in der Kirche ausgelotet werden. „Wenn bei diesem Prozess nichts Gravierendes passiert, sehe ich eine neue Austrittswelle auf die katholische Kirche zukommen.“ Das nächste Treffen ist Anfang September.

Im Rahmen seiner Möglichkeiten macht sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, für mehr Rechte von Frauen in der Kirche stark. Er will in seinem Bistum ein Gleichstellungsgesetz installieren, das außerhalb der Weiheämter den Einfluss von Frauen stärken soll. „Was bedeutet Gleichberechtigung, wenn Themen von vornherein ausgeklammert werden“, fragt Claudia Schmidt. Die Antwort bleiben die Kirchenmänner vorerst schuldig.
© Südwest Presse 27.07.2020 07:45
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