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CBD: Lifestyle-Produkt oder Gesundheitsrisiko?

Hanf-Produkte liegen voll im Trend und gelten als Bio und gesund. Doch es geraten immer wieder Erzeugnisse in den Handel, die von Lebensmittelforschern und Behörden als bedenklich eingestuft werden. Dr. Dirk W. Lachenmeier vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt in Karlsruhe beleuchtet für uns die Frage, wann aus dem Bio-Hype ein Gesundheitsrisiko wird.

  • Hanf-Pflanze
    Bild: Julia Teichmann / Pixabay
  • Dr. Dirk W. Lachenmeier
    Dr. Dirk W. Lachenmeier ist Experte in Sachen hanfhaltiger Lebensmittel. (Foto: privat)

Die Hanf-Pflanze Cannabis ist inzwischen fester Bestandteil unserer Populärkultur. Kaum jemand kennt nicht die markante Blattform, die als Logo in den Regalen großer Drogeriemärkte ins Auge sticht und das Super-Food bewirbt. Auch an dieser Stelle fanden Sie bis vor Kurzem einen fälschlicherweise nicht als Werbung gekennzeichneten Beitrag zum Thema CBD-Öl, bei dem die vermeintlichen Vorteile des Produkts auf eine Weise in den Vordergrund gestellt wurden, die möglicherweise irreführend war, ohne das Thema kritisch und von allen Seiten zu beleuchten. Da uns die Gesundheit unserer Leser am Herzen liegt und das Thema CBD durchaus spannend und umstritten ist, informieren wir Sie in diesem Beitrag auch über die Schattenseiten, die sich am Markt der CBD-Produkte zeigen.      

Spätestens seit der Zulassung von Cannabis für den medizinischen Gebrauch ist die populäre Pflanze wortwörtlich in aller Munde. Zahlreiche Lebensmittel sowie Nahrungsergänzungsmittel beinhalten jedoch Cannabidiol, kurz CBD, und versprechen sowohl eine schmerzlindernde, entkrampfende als auch angstlösende Wirkung. Einige Hersteller preisen ihre Produkte als Hilfsmittel gegen Menstruationsbeschwerden, Schlafstörungen, Depressionen und sogar verschiedene Krebserkrankungen an. Dabei handelt es sich um krankheitsbezogene Aussagen über Lebensmittel, die in Deutschland generell nicht zulässig sind. Es scheint jedoch aus Sicht der Händler und einiger Konsumenten ganz so, als wäre CBD der kleine, brave Bruder des berauschenden Stoffes Tetrahydrocannabinol (THC). Beide Stoffe werden aus der Cannabis-Pflanze gewonnen. Während THC psychoaktiv wirkt und ein berauschendes Hochgefühl mit bewusstseinsverändernden Sinneseindrücken („High“) auslöst, wirkt CBD auf das vegetative Nervensystem ein und verursacht eine körperliche Entspannung („stoned“). Doch auch wenn CBD lediglich eine nicht wahrnehmbare psychoaktive Wirkung auf den Menschen ausübt, steigt mit zunehmender Konzentration der Anteil von THC, und das mit gesundheitsschädlichen Folgen. Die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderte Verbraucherzentrale rät vom Verzehr dieser Produkte ab. Der erhöhte Anteil von Tetrahydrocannabinol könne zu Herzrasen, Bindehautreizung, innerer Unruhe und Benommenheit führen oder eine Depression sogar verschärfen, indem nach einem möglichen Hochgefühl eine tiefe Niedergeschlagenheit einsetzt. Die Forschung habe zudem abschließende Fragen zu Dosierung, Sicherheit und Wechselwirkung noch nicht geklärt.

Auch der Vertrieb hanfhaltiger Lebensmittel bewege sich in einer Grauzone, schreibt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Nach den Richtlinien der Europäischen Union müssten Produzenten von CBD-Erzeugnissen zunächst einen Antrag auf Zulassung eines Arzneimittels oder einen Antrag auf Zulassung als neuartiges Lebensmittel (Novel Food) stellen. Dies gelte ebenso für Nahrungsergänzungsmittel wie etwa CBD-Öle und Kapseln, die der Nahrung beigemischt werden. Tatsächlich erfülle keines der in Deutschland erhältlichen CBD-Produkte diese Standards, so das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Zwar sind Mehl und Öle aus Hanfsamen als traditionelle Zutaten für Lebensmittel zulässig, allerdings bestehen die meisten Hanf-Produkte zusätzlich aus einem Gesamthanfextrakt, um die EU-Richtlinien zu umgehen und den CBD-Gehalt zu steigern. Je mehr Cannabidiol ein Produkt enthält, desto besser lässt es sich durch den anhaltenden Hype vermarkten.

Vor allem sensible Zielgruppen wie Kinder und Jugendliche spricht das „berauschende“ Image an. Die erfolgreiche Vermarktung des Labels „Cannabis“ suggeriert durch die Verwendung ironischer Slogans wie „high“ oder „Achtung Suchtgefahr!“ einen Lifestyle, der das gefährliche Potenzial von Cannabis verharmlost. Gezielt werben die Händler mit Abbildungen von Hanfblättern auf der Verpackung von Bonbons, Schokolade, Erfrischungsgetränken oder Kaugummi und öffnen damit den Markt für die Nachfrage unterschiedlichster Produkte aus zweifelhafter Herkunft.

Die Überwachung des Marktes ist in Deutschland Ländersache. Zusammen mit seinem Team aus Sachverständigen am Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) in Karlsruhe analysiert Dr. Dirk W. Lachenmeier die Zusammensetzung der in Baden-Württemberg verfügbaren hanfhaltigen Lebensmittel. Der Schwäbischen Post und Gmünder Tagespost liefert der Lebensmittelforscher eine Einschätzung der derzeitigen Situation in deutschen Drogeriemarkt-Regalen.

1. Wie gut ist die Wirkung von Cannabidiol erforscht? Lässt sich anhand des aktuellen Forschungsstandes belegen, dass CBD ein Wirkstoff ist, der einen medizinischen Nutzen in Lebensmitteln beinhaltet?

Bestimmte Wirkungen von Cannabidiol (z. B. zur Behandlung von bestimmten Formen von Epilepsie) sind im Rahmen von dessen Zulassung als Arzneimittel sehr gut erforscht und klinisch belegt. Lebensmittel dürfen allerdings keine Stoffe mit pharmakologischer Wirkung enthalten, da es sich dann um Arzneimittel handeln würde. Das CBD in Lebensmitteln, sofern es zugelassen wäre, darf daher im Rahmen der Verwendung als Nahrungsergänzungsmittel lediglich eine „ernährungsspezifische oder physiologische“ Wirkung entfalten. Keinesfalls darf ein Lebensmittel somit eine „medizinische Wirkung“ haben. Derartige Bewerbungen für Lebensmittel sind unzulässig und irreführend.

2. Worin besteht die Gefahr für den Konsumenten? Was sind unerwünschte Nebenwirkungen?

Neben der Täuschung des Verbrauchers durch vermeintliche Wirkungsversprechen, die den Produkten nicht zukommen, besteht eine Gefahr durch den psychotropen Stoff Tetrahydrocannabinol (THC). In etwa 25 % der CBD-Produkte, die wir bislang untersucht haben, liegen die THC-Gehalte oberhalb von für Lebensmittel akzeptablen Gehalten. In Einzelfällen lagen Gehalte im Bereich von niedrigen Rauschdosen vor.

3. Als Sachverständiger des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts (CVUA) Karlsruhe arbeiten Sie mit Ihrem Team an der Analyse und rechtlichen Einstufung hanfhaltiger Lebensmittel. Wie schätzen Sie die derzeitige Situation bezüglich des Internethandels in Deutschland ein?

Der Internethandel mit hanfhaltigen Lebensmitteln ist geprägt durch eine große verfügbare Anzahl an betäubungs- und lebensmittelrechtlich nicht zulässigen Produkten.

4. Welche Voraussetzungen müssen hanfhaltige Lebensmittel erfüllen, um in Deutschland zugelassen zu werden und wann wird ein CBD-Produkt als bedenklich oder sogar gesundheitsschädlich eingestuft?

Man muss hier unterscheiden zwischen konventionellen Produkten auf Basis von Hanfsamen wie Hanfsamenöl, Hanfsamenmehl, Hanfsamenprotein und sonstigen Produkten mit Hanfsamen wie Schokolade oder Müsli. Diese hanfsamenbasierten Lebensmittel sind uneingeschränkt verkehrsfähig, sofern bestimmte THC-Gehalte nicht überschritten werden. Anders sieht dies mit CBD-Produkten aus (CBD-Öle, Produkte mit Hanfextrakten wie Vollspektrumhanfextrakt). Diese benötigen vor dem ersten Inverkehrbringen eine Zulassung als „neuartiges Lebensmittel“. Kein einziges Produkt hat bisher eine solche Zulassung erhalten. Daher sind alle diese Produkte derzeit illegal auf dem Markt. Weiterhin steht derzeit – wie auch bei Produkten auf Basis von Hanfblättern und Hanfblüten – eine Einstufung als Betäubungsmittel im Raum. Eine vorläufige Einstufung von CBD-Produkten als Betäubungsmittel wurde durch die EU-Kommission vorgenommen. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus. Deutsche Gerichte haben Hanfblatt- und Hanfblütenprodukte in der Vergangenheit ebenfalls als Betäubungsmittel eingestuft. Betäubungsmittel dürfen nicht als Lebensmittel in den Verkehr gebracht werden.

5. Wie gelangen diese als bedenklich eingestuften Lebensmittel, trotz der Gefahr, die von ihnen ausgeht, in die Regale deutscher Drogeriemärkte?

Unabhängig von einer Gefahreneinstufung benötigen sämtliche CBD-Produkte, sofern keine Einstufung als Betäubungsmittel vorgenommen wird, eine Zulassung als neuartiges Lebensmittel. Im Rahmen des Zulassungsverfahrens wird eine toxikologische Risikobewertung durchgeführt, um Risiken für den Verbraucher durch neuartige Lebensmittel auszuschließen. Nach dem EU-Lebensmittelrecht liegt es im Verantwortungsbereich des Lebensmittelunternehmers, diese rechtlichen Anforderungen einzuhalten. Somit wäre diese Frage an die Lebensmittelunternehmen zu richten.

6. Durch welche Regelungen und Auflagen könnte der Konsum von CBD-Produkten eine tatsächliche und sichere Chance für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Verbraucher darstellen? 

Im Prinzip erlaubt das derzeitig geltende Lebensmittelrecht, wenn es von den Lebensmittelunternehmen befolgt würde, eine sichere Verwendung von Nahrungsergänzungsmitteln. Da die Regelungen bei Cannabidiol wie auch vielen weiteren Life-Style-Nahrungsergänzungsmitteln offensichtlich nicht ausreichend umgesetzt werden, fordern wir die Einführung einer Zulassungspflicht vor dem ersten Inverkehrbringen von Nahrungsergänzungsmitteln. Ansonsten könnte man CBD-Lifestyle-Produkte auch einem eigenen Regulierungsbereich unterwerfen mit strengen Anforderungen wie Zulassung, fakultativen Produktprüfungen und Kontrollen.

Sebastian Kopf

© Schwäbische Post 31.07.2020 09:01
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