Angst vor dem Winterschlaf

Die großen Hallensportarten fürchten sich vor dem Geisterstart ohne Zuschauer und dem Ausbleiben weiterer Sponsorgengelder.
  • Ausnahmezustand: Das Geisterturnier der BBL in München war eine Notlösung. Auf Dauer rechnen sich Spiele ohne Zuschauer für die Hallensportarten nicht. Foto: Tilo Wiedensohler/camera4/BBL/Pool/dpa
Sendepause seit Monaten, Existenzangst im Nacken, und das Horrorszenario Geisterstart ohne Zuschauer wird immer realer: Die Abfuhr der Politik an König Fußball hat die großen Hallen-Sportarten aufgeschreckt. Handball, Basketball und Eishockey haben ihre Hoffnung auf einen Auftakt mit Fans zwar noch immer nicht verloren, doch schon jetzt werden die Rufe nach zusätzlichen Staatshilfen lauter.

„Wir können und wollen nicht in einen sehr langen Winterschlaf gehen. Das funktioniert in Sportarten wie Eishockey, Handball oder Basketball nicht“, sagte Gernot Tripcke: „Unsere Athleten sollen ja Deutschland bald wieder bei Olympia, WM und EM vertreten und müssen sich für zukünftige Arbeitsverträge empfehlen. Sie brauchen einen regelmäßigen Trainings- und Spielbetrieb, deshalb brauchen wir weitere Hilfe von der Politik, um dies zeitnah wieder anbieten zu können.“ Der Geschäftsführer der Deutschen Eishockey Liga (DEL) steht mit seiner Forderung stellvertretend für die drei großen Hallen-Profiligen. Einen dauerhaften Betrieb mit Geisterspielen können sie sich nicht leisten. Es müsse „jetzt dringend ein runder Tisch mit der Bundes- und den Landesregierungen gebildet werden“, so Tripcke.

Auch HBL-Präsident Uwe Schwenker, der an den Restart-Plänen vor Fans am 1. Oktober festhält, betont die wirtschaftliche Abhängigkeit von den Zuschauereinnahmen. Drei bis vier Spieltage ohne Publikum wären für den Handball „möglicherweise machbar“, sagte Schwenker dem SID, doch „Geisterspiele bis Ende Jahres wären ein Riesenproblem für uns. Dessen ist sich die Politik bewusst.“

Hilfen reichen nicht lange

Das aktuelle Konjunkturpaket der Bundesregierung, das Einnahmeausfälle pro Klub mit maximal 800 000 Euro kompensieren soll, dürfte bei Geisterspielen über einen längeren Zeitraum wohl kaum ausreichen. Zusammen mit Kurzarbeitergeld werde zwar verhindert, so Tripcke, „dass die Klubs in Insolvenz gehen. Aber damit allein können die wenigsten einen Spielbetrieb ohne Zuschauer oder mit wenigen Zuschauern darstellen.“

Schwenker rechnet vor: „Wenn man sieht, dass beispielsweise der THW Kiel 250 000 Euro pro Heimspiel einnimmt, dann sieht man, dass wir eine Situation ohne Zuschauer auf Dauer nicht aufrecht erhalten können.“ Der Handball generiert wie auch Eishockey und Basketball bis zu 50 Prozent seiner Einnahmen aus Ticketverkäufen.

Allein weitere staatliche Hilfen werden bei der Rettung der Klubs aber nicht ausreichen – dessen sind sich die Bosse bewusst. Die Klubs müssten laut Tripcke „alle Einsparpotenziale suchen“. Schwenker riet den Vereinen, „einen Umsatzrückgang von Minimum 20, 30 Prozent einzuplanen, auch weil die Sponsorengelder nicht sicher sind“.

Die Ligen stehen in den kommenden Monaten vor einem schwierigen Spagat. Zum einen gilt es, Insolvenzen trotz drohender Geisterspiele mit allen Mitteln zu verhindern. Zum anderen wird es höchste Zeit, dass die Sportarten nach Monaten ohne mediale Erscheinung wieder sichtbar werden.

Auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wies am Mittwoch auf die Problematik hin. Alle Umfragen von DOSB, Landessportbünden und Spitzenverbänden seit Beginn der Pandemie im März hätten ergeben, dass ausgefallene Sportveranstaltungen die primäre Quelle für die akuten wirtschaftlichen Probleme im organisierten Sport sind. „Wir wollen und wir müssen sukzessive den Sportbetrieb auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene wieder hochfahren“, sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann, „um unseren Athleten und Athletinnen wieder Ziele zu geben und die einzigartige Vielfalt von Sportdeutschland zu sichern“. sid
© Südwest Presse 13.08.2020 07:45
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