Wie einst „König Otto“

Julian Nagelsmann hat es am gleichen Ort wie Rehagel zu seinem bislang größten internationalen Erfolg geschafft. Auch mit dem Trainer seines kommenden Gegners verbindet den 33-Jährigen viel.
  • Größter Erfolg der Vereinsgeschichte: RB-Trainer Julian Nagelsmann (Mitte) jubelt mit Spielern und Verantwortlichen. Foto: PICTURE POINT/S. Sonntag/Eibner-Pressefoto
Ganz Fußball-Europa staunt über das frische, freche RB Leipzig, und die Lobeshymnen könnten Julian Nagelsmann glatt den Kopf verdrehen. Vor dem brisanten Duell um den Einzug ins Finale der Champions League ausgerechnet gegen seinen Entdecker Thomas Tuchel schickte der jüngste Halbfinal-Coach der Königsklassen-Historie seine Atlético-Bezwinger zum lockeren Auslaufen an der Atlantikküste, als sei gar nichts Besonderes geschehen.

„Gut essen, gut trinken, keinen Alkohol, sondern viel Wasser, den Flüssigkeitshaushalt auffüllen. Viel schlafen, und dann ist das Spiel, was bevorsteht, eine große Sache“, verkündete der 33-Jährige seinen Masterplan für die nächste Station der selbst ausgerufenen „Missão Final“ am Dienstag (21 Uhr/Sky) gegen Paris Saint-Germain.

Die via Instagram gezeigten Feierlichkeiten in der Kabine des Estádio José Alvalade nach dem 2:1 gegen Atlético Madrid muteten schon an wie eine echte Champions-Party von Siegtorschütze Tyler Adams und Abwehrgigant Dayot Upamacano. Nagelsmann will sich aber trotz des großen Respekts, der ihm und seinem Team entgegenschlägt, nicht zu weit nach vorne wagen. Auf die Frage nach einer sicherlich anstehenden Titelansage reagierte er mit einem herzhaften Lachen.

Dass der Griff nach dem Henkelpott beim Blitzturnier von Lissabon möglich ist, weiß er auch. „Eine Titelansage gibt es nicht, aber es ist ja selbstredend und selbsterklärend, dass wir jetzt ins Finale kommen wollen“, sagte Nagelsmann. Ein Vergleich mit Otto Rehhagel verbietet sich eigentlich. Komplett unterschiedlich sind Charakter, Generation und persönlicher Werdegang. Aber an exakt der gleichen Stelle hatte die deutsche Trainer-Ikone vor 16 Jahren als großer Underdog mit Griechenland einen Viertelfinalsieg gegen Frankreich gefeiert – gekrönt vom EM-Triumph wenige Tage später im Estádio da Luz, wo Nagelsmann am 23. August auch seinen Mega-Coup landen könnte.

Gemeinsame Zeit in Gersthofen

Gut möglich, dass seine Gedanken in den wenigen ruhigen Momenten im edlen Palacio Estoril Hotel Golf & Spa nach Gersthofen wandern. In der bayerisch-schwäbischen Provinz erledigte er im kalten Januar 2008 seinen ersten Job als Trainer-Gehilfe. Und zwar im Auftrag eines gewissen Thomas Tuchel. So schreiben es dessen Biografen Daniel Meuren und Tobias Schächter in ihrem Buch über den PSG-Coach. Der 20 Jahre alte Nagelsmann sollte Informationen über den Gegner des FC Augsburg II sammeln und war ziemlich aufgeregt.

Jetzt will Julian Nagelsmann die Anfänge seiner Trainer-Laufbahn und die bemerkenswerten Schnittstellen mit Tuchel nicht in den Mittelpunkt stellen. „Das ist lange Jahre her“, meinte der RB-Coach. „Das Verhältnis ist, seitdem er bei PSG ist, normal. Wir haben noch nie ein extrem inniges Verhältnis gehabt“, sagte der 33-Jährige. Für ihn war es sportlich auch keine glückliche Zeit, ein Meniskusschaden zwang ihn zum Abbruch der noch gar nicht richtig begonnen Spielerkarriere.

Fest steht: Nach den Siegen gegen José Mourinhos Tottenham und Diego Simeones Atlético kann Julian Nagelsmann Thomas Tuchel auf Augenhöhe begegnen. dpa
© Südwest Presse 15.08.2020 07:45
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