Lesermeinung

Zu „Demo muss wachrütteln“; Leserbrief von Karl Maier vom 4. September.

Leider werden in diesem Leserbrief alle friedlich demonstrierenden Menschen als Corona-Skeptiker bezeichnet und mit Reichsbürgern, Neonazis ... über einen Kamm geschoren. Lange genug wurden uns nach der Demo in Berlin in den sogenannten „Qualitätsmedien“ Bilder des „Sturms“ auf den Reichstag gezeigt, der von drei Polizisten aufgehalten wurde. Vergessen wurde dabei jedoch zu berichten, dass dieser „Sturm“ von einer Demonstration ausging, die nichts mit der großen Querdenkerdemonstration zu tun hatte.

Herr Maier stützt sich in seinem Leserbrief auf ein Zitat von Herrn Schäuble „dass es auch Grenzen des Anstands gibt, wie weit man mitträgt, wer mit einem mitläuft ...“. Dazu möchte ich Berlins Innensenator Andreas Geisel zitieren, der am 18. 10. 2018 in der Morgenpost verkündete: „Wenn ich als Demokrat gefordert bin, gehe ich auch auf die Straße. Und ich lasse mich nicht davon hindern, dass auch Extremisten die Möglichkeit nutzen, dort ihre Meinung zu sagen.“ Der Leserbrief drückt die große Sorge aus, dass diese Demonstranten die liberale Demokratie und Rechtsstaatlichkeit aushebeln wollen.

Wer sich so große Sorgen macht, sollte genauer hinschauen und hinhören. Zum einen zeigen ungeschnittene Livestreams verschiedenster Berichterstatter viele Zehntausende Bürger, die friedlich demonstrieren, einen Querschnitt der Bevölkerung darstellen und weder einen wirren noch einen rechtsradikalen Eindruck erwecken. Zum anderen werden diese Menschen von der Sorge getragen, dass die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ bis zum Verabreichen eines Impfstoffes den Deutschen erhalten bleibt. Zur Erinnerung: Diese epidemische Lage wurde ausgerufen, um einer Überforderung des Gesundheitswesens vorzubeugen.

Wer sich die Zahlen genau anschaut, die man auf den Seiten des Robert-Koch-Instituts findet, kann die Beweggründe der Querdenkerdemonstranten verstehen. Bedenklich finde ich, dass dem Leserbriefschreiber das Virus sympathischer ist als die Menschen, die für Demokratie, Freiheit und Wahrheit demonstrieren und damit einem Grundrecht, das in Art. 8 des Grundgesetzes verankert ist, nachgehen.

© Schwäbische Post 13.09.2020 17:27
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Kommentare

In my humble opinion

Bitte hören Sie einfach auf, >Zum anderen werden diese Menschen von der Sorge getragen, dass die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ bis zum Verabreichen eines Impfstoffes den Deutschen erhalten bleibt.< und über die damit verbundene angebliche Einschränkung der Meinungsfreiheit zu jammern, wenn Sie sehen wollen, was richtige Einschränkungen sind, schauen Sie sich die Nachrichten aus Weißrussland an.

Covid-19 macht niemandem Spaß und wenn man sich die deutschen und europäischen Todeszahlen so ansieht, können wir uns 'von' schreiben und, wenn Sie religiös sind, können Sie Gott auf Knien danken, was das jetzige Verhältnis der Todes- zu den Infektionszahlen angeht. Wir erinnern uns auch noch an die Bilder aus Italien und Frankreich, die mit den Kühllastern für die Leichen, zu Beginn, oder? Auch weil bei uns eine Mehrheit von geschätzt 85 - 90% die Maßnahmen ( MNS und Abstand ) für begründet und angemessen hält, haben wir gerade moderate Neuerkrankungszahlen im Vergleich zu Frankreich und Spanien. Und wie schnell sich auch bei uns die Lage ändern kann, haben wir im Ostalbkreis mit den Skiurlaubsrückkehrern gesehen und sehen es gerade in Garmisch-Partenkirchen. Und die Zahl von max 15%, die irgendwelche 'Probleme' sieht, wo keine sind, sollte sich mal fragen, was das Wort von 'Solidarität' oder 'Teamgeist' eigentlich bedeutet, wo sie leben und wie sie auch davon leben, dass es die 'anderen' gibt. Wenn Covid-19 Vergangenheit ist, können Sie gerne für 'Freiheit' demonstrieren, da komme ich, je nach Zusammensetzung der Gruppe, sogar mit.

Karin Hofmann

Hallo Frau Walke,

danke, daß Sie uns aufklären und wir uns erinnern sollen, Sie sagen:

"Zur Erinnerung: Diese epidemische Lage wurde ausgerufen um einer Überforderung des Gesundheitswesens vorzubeugen".

???

Danke, jetzt wissen wir, dank IHNEN, Bescheid.

Helmut Wimmer

Hallo Frau Walke,

„Der Leserbrief drückt die große Sorge aus, dass diese Demonstranten die liberale Demokratie und Rechtsstaatlichkeit aushebeln wollen.“ Das haben Sie richtigerweise erkannt.


„Zur Erinnerung: Diese epidemische Lage wurde ausgerufen, um einer Überforderung des Gesundheitswesens vorzubeugen.“ Wann ist ein Gesundheitswesen überfordert? Wenn es zu viele Menschen gibt, die es plötzlich in Anspruch nehmen müssen. Was ist die Ursache für diese Häufung? Sie können sich die Frage selbst beantworten, bitte dabei den Tellerrand etwas erweitern und auch die Auswirkungen in anderen Ländern mit berücksichtigen.


Sie benutzen hier ein Werkzeug, vom dem Sie selber nicht begeistert sind; Ihr Begriff „Qualitätsmedien“ drückt Ihre Bewertung diesbezüglich aus. Warum bedienen Sie dieses Medium, obwohl Sie es nicht respektieren?


Würden Sie den gesamten Prozess auch in Frage stellen, wenn Sie selbst daran erkrankt wären oder einen Erkrankten oder Todesfall diesbezüglich in Ihrem persönlichen Umfeld hätten? Einfach mal „Querdenken“: Ich bin mir sicher, dass Sie dann die Begriffe „Eigene Gesundheit, Volkgesundheit, Demokratie, Freiheit, Wahrheit, Demonstrationen, Narzissten, Ideologen, Liberalismus, Solidarität, Verhältnismäßigkeit, …“ anders gewichten würden.

Bleiben Sie gesund!

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