Bayern in Budapest: Supercup als Superspreading-Event?

Mehrere tausend FCB-Anhänger reisen am Donnerstag zum Finale in Budapest. Und das trotz hoher Infektionszahlen im Gastgeberland Ungarn.
  • Hier sollen sich am Donnerstag mehr als 20 000 Fans versammeln: Die Puskas Arena in Budapest. Foto: Tibor Illyes/dpa
Ein „Fußball-Ischgl“ beim Supercup in Budapest? Markus Söder hat beim Gedanken an einen möglichen neuen europäischen Corona-Hotspot „wirklich Bauchschmerzen“. Der bayerische Ministerpräsident hat sich an die Spitze der Kritiker gestellt und erhebliche Bedenken hinsichtlich der Abenteuerreise von Bayern München ins Risikogebiet geäußert. Doch Uefa-Boss Aleksander Ceferin hält an seinem umstrittenen „Pilotprojekt“ fest und erhofft sich „nützliche Erkenntnisse“.

Für Söder ein Unding. Eine Reise in die ungarische Hauptstadt, warnte der Landesvater, sei „unvernünftig, deswegen werden wir auch die Quarantäne-Verordnung noch mal ändern“. Demnach sollen Rückkehrer auch dann in Quarantäne, wenn sie kürzer als 48 Stunden vor Ort waren.

Söder fürchtet ein Superspreading-Event: „Wir können das nicht mit 2000, 3000 Leuten riskieren, die sich dann möglicherweise verständlicherweise im großen Feiern in den Armen liegen, und dann haben wir eine Riesen-Infektionswelle.“

Auch Hansi Flick und viele Fans haben keine Lust auf die Rolle als Versuchskaninchen. „Das ist eine Sache, die man nicht ganz so versteht“, sagte der Trainer über den Risikotrip zum Duell mit Europa-League-Sieger FC Sevilla am Donnerstag (21 Uhr). Die Anhänger schreckt „die Angst vor dem Virus“, wie das spanische Sportblatt AS berichtet.

Nachfrage gebremst

Entsprechend übersichtlich ging es am Montag am Gästeparkhaus der Allianz Arena zu. Nur wenige Fans nahmen zunächst das Klub-Angebot „Super Cup, Super Safe!“ wahr, dort den für die Einreise nach Ungarn erforderlichen Corona-Test machen zu lassen. Kein Wunder: Die organisierte Fanszene will dem Kick fernbleiben, lediglich 2100 der 3000 Tickets wurden angefordert. Aus Sevilla kommen sogar nur 500 Anhänger. Die Uefa verkauft das Spiel als „Startschuss für die Rückkehr der Zuschauer“ und verspricht, dass in Budapest „bezüglich der Sicherheit der Menschen keinerlei Risiken eingegangen werden“.

Maßnahmen wie Abstand halten, Maskenpflicht oder Messung der Körpertemperatur sollen das ebenso gewährleisten wie die Reduzierung der Kapazität in der Puskas Arena auf 30 Prozent, was rund 20 000 Plätzen entspricht. Und doch bleibt vielen angesichts der Lage vor Ort nur Kopfschütteln. Ungarn meldete am Sonntag 1070 neue Fälle – ein trauriger Rekord. Ausländern ist die Einreise aktuell verboten - Ausnahme: Zuschauern internationaler Sportereignisse und kultureller Veranstaltungen ist sie für maximal 72 Stunden gestattet.

Janos Szlavik, Chef-Epidemiologe am Süd-Pester Zentralkrankenhaus, hält das Spiel für einen „riskanten Versuch“, die Opposition geht noch weiter. „Wir fordern, dass Ministerpräsident Viktor Orban und seine Regierung dieses Spiel sofort absagen“, sagte Ildiko Borbely von der sozialdemokratischen Oppositionspartei MSZP. Wenn Gesundheit Priorität habe, sei klar: „Ungarn kann dieses Spiel nicht austragen.“

Spielen oder nicht? Diese Frage spaltet sogar den FC Bayern. Während Flick zweifelt, hat Karl-Heinz Rummenigge Verständnis. Die Uefa habe sich die Entscheidung „sehr schwer gemacht“, sagte der Vorstandschef bei Sky90: „Sie wollte zielbewusst einen ersten Schritt in Richtung Normalität gehen. Grundsätzlich halten wir das für möglich und nachvollziehbar.“

Das dürfte Sandor Csanyi unterschreiben. Der reichste Mann Ungarns steht dem nationalen Fußball-Verband vor - und sitzt als Vize-Präsident im Uefa-Exekutivkomitee. Flick hat deshalb resigniert und will sich aufs Sportliche konzentrieren: „Alles andere liegt nicht in meiner Hand.“ sid
© Südwest Presse 22.09.2020 07:45
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