Mozart im Comic-Look

Endlich wieder eine Premiere: Die Stuttgarter Opernsaison startet mit einer famosen Ensembleleistung – in Barrie Koskys Berliner „Zauberflöte“.
  • Zum Gesang von den Logen herab liefern Tänzer-Doubles auf der Bühne starke Bilder: „Die Zauberflöte“ in Stuttgart. Foto: Martin Sigmund
Papageno reitet auf einem rosa Elefanten, immer wieder wirbeln jede Menge Noten und pochende Herzen in rasanten Flugspiralen über die Leinwand. Ein Bösewicht speit Feuer, die Königin der Nacht ist eine Riesenspinne, und wenn‘s mal kracht, poppt in der Sprechblase ein Riesen-„Ka-Boom“ dazu auf. Ja, wir sind im Zeichentrickfilm. Und ja, es läuft „Die Zauberflöte“.

Mozart als Comic-Strip? Damals, 2012, als diese ungewöhnliche Produktion an der Komischen Oper Berlin herauskam, ahnte niemand, dass sie sich zum Exportschlager entwickeln würde. Inzwischen haben 600 000 Menschen in 23 Ländern weltweit diese „Zauberföte“ in Stummfilm-Ästhetik schon gesehen. Jetzt gab es Barrie Koskys Inszenierung mit den Animationen des britischen Künstlerduos „1927“ auch als Stuttgarter Premiere – realisiert von hauseigenen Sängern, Tänzern und Musikern. Sieben Monate nach der letzten Vorstellung Anfang März bespielte die Staatsoper damit erstmals wieder das eigene Haus, am Samstag war Premiere.

Grund genug für Intendant Viktor Schoner, dem Publikum vorab kurz die Distanzregeln auf der Bühne zu erläutern: sechs Meter für Sänger, drei für Bläser und zwei für Streicher. Diesen ersten Indoor-Abend nach langer Zeit konnten pandemiebedingt nur rund 350 statt der üblichen 1400 Zuschauer erleben. Egal, das Publikum demonstrierte mehrfach, dass auch der Beifall eines nur viertelvoll besetzten Hauses ganz schön losprasseln kann.

Die Besetzung dieser Berliner „Zauberflöte“ mit Stuttgarter Akteuren war kein Problem, denn erst im Juni hatten Schoner und sein Team eine Mini-Version der Oper auf dem Wasen angeboten. Jetzt, im eigenen Haus, tönt aus dem Graben kein volles Orchester, sondern nur gut ein Dutzend Musiker. Heraus kommt ein schlanker, feinnerviger Taschenopern-Sound, der gut zum Kintopp-Design der Produktion passt. Weil sich mit sechs Metern Abstand schlecht Oper machen lässt, agieren in Stuttgart Tänzer-Doubles auf der Bühne. Die Vokalsolisten singen von den Logen herab – aufwändig zwar, aber es klappt ganz gut.

Sicher, über die animierte Bilderflut, über all die bösen Drachen, üblen Höllenhunde und niedlichen Schmetterlings-Feen, die da über die Leinwand düsen, hecheln und flattern, lässt sich streiten. Manchmal ist es so, dass durch das optische Flimmer-Gewusel die Mozart-Musik zum bloßen Soundtrack degradiert wird. Meistens aber funktioniert es richtig herum: Die Animationen übersetzen die Oper in eine leicht verständliche Fantasy-Welt, die dem teils betulichen Geschehen eine gewisse Ironie und Leichtigkeit verleiht. Die Leinwand ist zudem ein riesiger Adventskalender, in dem diverse Drehtürchen aufgehen: Podestchen, auf denen die Tänzer pantomimisch den Logen-Gesang illustrieren.

Die Grundidee Koskys überzeugt: Gefangen im Problemdschungel zwiespältiger Vorbilder – einer Rachefurie und einem männerbündlerischen Sarastro, kämpft sich ein junges Paar frei und geht eigene Wege.

Exzellent: die Stuttgarter Crew. Josefin Feiler (Pamina) bezaubert mit allerliebsten Kantilenen, Beate Ritter (Königin der Nacht) mit müheloser Höhenakrobatik. Mingjie Lei (Tamino) punktet mit Schmelz, Johannes Kammler (Papageno) mit Temperament. Und die kleine Abendbesetzung des Staatsorchesters (der Chor singt aus dem Off) gibt unter der rührigen Leitung des Iraners Hossein Pishkar alles, um die Kammerfassung von Alexander N. Tarkmann dramatisch zu beleben – je nachdem mit beseelter Zartheit, wildem Windmaschinen-Geheul und starkem Jubelfinale, bei dem sogar der Feuerspeier sich entkrampft und mitgroovt. Starker, langanhaltender Beifall.
© Südwest Presse 05.10.2020 07:45
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