Staatsoper

Klassik und Popkultur vereinigt

„Denk ich an Deutschland in der Nacht“: mit Max Herre und Punk-Ikone Schorsch Kamerun.
  • Rapper Max Herre war Gast in der Staatsoper Stuttgart: „Denk ich an Deutschland in der Nacht“. Foto: Christoph Soeder/dpa
Draußen vor dem Opernhaus bläst die Kapelle Erpfenbrass ländlich, südlich, wild. Drinnen klingelt‘s lange vor dem ausgedruckten Beginn zum Einlass, das Staatsorchester sitzt da, und Cornelius Meister geht jetzt einfach zum Dirigentenpult und legt los. Sie spielen aber wirklich keine Ouvertüre, sondern die tieftraurigste Abschiedsmusik, die sich denken lässt: die „Metamorphosen“ für 23 Streicher, komponiert in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs vom 81-jährigen Richard Strauss, der sich dem Hitler-Reich angedient hatte und zuletzt über sein untergegangenes München verzweifelte.

Offene Türen, teils laut hereinströmendes Publikum, das von der Musik keine Kenntnis nimmt. Das relativierte das Pathos. Ja, das war ein erstaunlicher Konzertabend der Staatsoper Stuttgart zum Saisonstart, am Donnerstag vor dem Wiedervereinigungsfeiertag: „Denk ich an Deutschland in der Nacht“. Heinrich Heine gab das Motto vor, es wurde aber niemand um den Schlaf gebracht, es war ein nachdenklich stimmendes, spannendes, unterhaltsames, frech-fröhliches Plädoyer fürs bunte Multikulti-Vaterland.

Rap im Opernhaus

Denn wer da noch alles dabei war: auch der Stuttgarter Rapper Max Herre mit Band und Joy Delanane. Und Schorsch Kamerun, die heimelig verknitterte Punk-Ikone, führte am Tischchen mit süß-sauren Kommentaren durchs Programm und rezitierte im Singsang trefflich Songs der Goldenen Zitronen: „Wenn ich ein Turnschuh wär“ zum Beispiel. „Die alten, bösen Lieder“ eben, aber so heißt auch eines von Robert Schumann, und das trug die Mezzosopranistin Diana Haller vor – und später, großartig, Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ von Mahler.

Steven Walter vom Podium Esslingen (und künftiger Intendant des Beethovenfests Bonn) konzipierte die literarisch-musikalische Collage, die wirklich ein Crossover war. Denn das Staatsorchester hob die Songs von Max Herre wie „Nachts“, „Sans Papier“ oder „Dunkles Kapitel“ ins Sinfonische und lieferte ebenso klassisch den Goldenen-Zitronen-Sound. Joy Delanane befolgte Schuberts „Auf dem Wasser zu singen“ mit Soul-Sympathie. Dazu ein verrücktes Nationalhymnen-Medley von Benjamin Scheuer und das Finale aus Beethovens „Siebter“.

Ein bejubelter Abend, der leise, in der unschuldigsten deutschen Romantik endete: mit dem Notturno aus Felix Mendelssohns „Sommernachtstraum“. Jürgen Kanold
© Südwest Presse 05.10.2020 07:45
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