Frust ob früher Rückstände

Der VfB Stuttgart kommt mit kalkuliertem Risiko zu einem 1:1 gegen Bayer Leverkusen. Reifeprozess ist längst noch nicht abgeschlossen.
  • Der Stuttgarter Sasa Kalajdzic (rechts) erzielt gegen Bayer Leverkusen den 1:1-Endstand per Kopf und wurde dafür in den Kader der österreichischen Nationalmannschaft berufen. Foto: Weber/Eibner
Patrik Schick steckte im weiß-roten Sandwich. Marc Oliver Kempf vor ihm, Konstantinos Mavropanos dicht hinter ihm. Zwei Abwehrrecken, die wissen, wie sie ihre athletischen Körper einzusetzen haben. Dennoch war der tschechische Stürmer im Strafraum des VfB Stuttgart in diesem Moment obenauf. Flanke, Kopfball, Tor. Bayer Leverkusen führte schon früh gegen den Aufsteiger in die Fußball-Bundesliga.

70 Minuten später segelte wieder eine Flanke von links in den Strafraum. Philipp Klement hatte den Freistoß getreten, und das Muster wiederholte sich: Kopfball, Tor. In Sasa Kalajdzic hatte erneut ein Mittelstürmer-Schlaks seine Stärke ins Spiel gebracht. „Er war aber deutlich freier als Patrik Schick“, meinte Sven Mislintat süffisant, weil der VfB-Sportdirektor wusste, was nach dem 1:1 auf die Stuttgarter zukommen würde.

Sie müssen sich die Frage gefallen lassen, warum sie im dritten Saisonspiel bereits zum dritten Mal noch während der Anfangsviertelstunde in Rückstand geraten sind. Die Antwort fällt nicht leicht, denn während die junge VfB-Elf gegen den SC Freiburg Lehrgeld für ihre leichten Fehler zahlte und sie beim FSV Mainz quasi aus dem Nichts plötzlich 0:1 hinten lag, spielte diesmal das Bewusstsein über die Leverkusener Qualität eine Rolle. „Wir haben anfangs zu viel Respekt gezeigt“, sagt Pellegrino Matarazzo.

Der Trainer will in den Gesichtern der Spieler vor dem Anpfiff gar ein „wenig Angst“ erkannt haben. Die Leverkusener gehören ja zum Besten, was die Bundesliga zu bieten hat: Neben Schick im Sturmzentrum noch Karim Bellarabi und Moussa Diaby mit ihrer Schnelligkeit auf den Flügeln, dahinter Kerem Demirbay und Florian Wirtz, auf der Bank Reserven wie Lucas Alario, Leon Bailey und Nadiem Amiri.

Da kann es passieren, dass die Stuttgarter mal hinterherlaufen. Dennoch bleibt nach einer Energieleistung die Erkenntnis, dass der VfB bereits jetzt in der Eliteklasse Paroli bieten kann. „Uns war noch kein Gegner komplett überlegen“, sagt Matarazzo. Auch wenn es diesmal einiger Paraden von Gregor Kobel bedurfte, um die Stuttgarter im Spiel zu halten.

„Wir haben schlecht gespielt, hätten aber trotzdem gewinnen müssen“, sagt der Bayer-Coach Peter Bosz angesichts der vergebenen Möglichkeiten. Zur Wahrheit gehört jedoch ebenso, dass der VfB nah dran war, die Partie komplett zu kippen. Zunächst angedeutet, als der Kopfball von Mavropanos an die Latte klatschte (29.). Später, weil er volles Risiko ging. „Die Stuttgarter waren aggressiv, so muss das sein“, sagt Bosz. Eine Frage des Willens sei die Aufholjagd gewesen, meint Matarazzo, der durchaus ein Faible für psychologische Erklärungsansätze zeigt. Die Gastgeber ließen die Bereitschaft erkennen, alles zu geben – unterstützt von knapp 10 000 Zuschauern, die einen neuen Spaß an dieser Elf entdecken, die während der Vorsaison noch in den Anfängen ihrer Entwicklung steckte.

Jetzt läuft die Kugel nicht mehr zäh durch die eigenen Reihen, sondern schnell nach vorne. Weil sich die Spielkonstellation grundsätzlich geändert hat, und der VfB von einem Cheftrainer angeleitet wird, der sich als Fußballlehrer versteht und von sich sagt: „Ich liebe das kalkulierte Risiko.“ Als es für das junge Team nach der Pause nichts mehr zu verlieren gab, wog Matarazzo ab, was es zu gewinnen gibt. Mindestens einen Punkt, aber darüber hinaus das Selbstvertrauen, sich auch von konterstarken Leverkusenern nicht aus den Schuhen schießen zu lassen.

Also stürmte der VfB. Wild und mit neuen Kräften. Tanguy Coulibaly und Roberto Massimo gaben weitere Kostproben ihres Könnens ab und waren in ihrem jugendlichen Eifer von den Gastgebern nur schwer unter Kontrolle zu bringen. „Wir haben mit der richtigen Mentalität eines Underdogs gespielt“, sagt Mislintat. Außenseiterfußball ergibt das und eine erste Bilanz, die sich nicht nur an den Ergebnissen bemisst. Weshalb er und der Trainer vor der Länderspielpause zufrieden mit dem bisher Erreichten sind und daran arbeiten, dass sich der Reifeprozess des VfB fortsetzt.
© Südwest Presse 05.10.2020 07:45
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