Der steile Aufsteiger aus Kempen

Als „anonymer“ Qualifikant ist Daniel Altmaier in die French Open in Paris gestartet, jetzt steht er im Achtelfinale des größten Sandplatzturnieres. Auch Laura Siegemund überrascht.
  • Mit viel Energie eine Runde weiter bei den French Open in Paris: Daniel Altmaier trifft an diesem Montag in seinem Achtelfinal-Match auf den Spanier Pablo Carreno Busta. Foto: Jürgen Hasenkopf/Imago
Wer in den Weiten des Internets nach dem Namen „Altmaier“ sucht, landet unweigerlich erst mal beim getreuen Helfer von Kanzlerin Angela Merkel. Bei Kanzleramtsminister Peter Altmaier. Man muss schon „Daniel“ oder „Tennis“ hinzufügen, um direkt auf den Mann zu stoßen, der gerade eine der verrücktesten deutschen Sportgeschichten eines sowieso schon verrückten Jahres schreibt.

Daniel Altmaier, 22 Jahre alt, zuhause im niederrheinischen Kempen, ist die Sensationsnummer der French Open in Paris – ein junger Mann, der mit irritierender Selbstverständlichkeit von den Qualifikationsplätzen auf dem Centre Court gelandet ist. Und der nach sechs Siegen, drei davon im Bewerbungsturnier, drei davon im Hauptfeld, als stolzer Achtelfinalist des größten Sandplatzturniers der Welt grüßt.

Altmaier stellt die Tenniswelt durchaus auf den Kopf, schließlich ist es das allererste Grand-Slam-Turnier, bei dem er aufschlagen darf. Auch wenn viele von Überraschung schreiben und reden, vom French-Open-Märchen – Altmaier selbst sieht sich nicht als Wunderknabe. „Ich wusste, dass ich meinen Weg gehen werde. Früher oder später“, sagte er nun nach seinem souveränen 6:3, 7:6 (7:5), 6:4-Sieg gegen den Weltranglisten-Achten Matteo Berrettini aus Italien.

Altmaier, der imposante Newcomer, ist nicht der einzige deutsche Überraschungsgast auf der Zielgeraden in Paris. Laura Siegemund ist ja auch noch da zu vorgerückter Turnierstunde. Später auch, was ihre Karriere insgesamt als Solistin angeht. Mit 32 Jahren steht sie erstmals im Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers. Und leicht gemacht wurde ihr es nicht wirklich bei diesem Debütvorstoß in die zweite Woche. Seit einiger Zeit plagt sich die Metzingerin, die vor kurzem bei den US Open an der Seite ihrer russischen Partnerin Vera Zvonarewa den Doppeltitel holte, mit Rückenschmerzen herum. Weshalb sie beim Doppel mit Zvonarewa in Paris aufgeben musste.

Als Einzelkämpferin macht die ehrgeizige Schwäbin aber unverdrossen weiter – hart gegen sich und andere. Mit Schmerztabletten, eisernem Willen und ihrer gewohnten Kreativität auf dem Court schaffte sie drei Siege: Eine Frau, die im Zweifelsfall auch das scheinbar Unmögliche möglich machen kann.

Gegen die Kroatin Petra Martic wurde Siegemund minutenlang behandelt, ehe sie einen Satzrückstand noch in einen 6:7 (5:7), 6:3, 6:0-Triumph verwandelte. Auch gegen die Spanierin Paula Gadosa könnte sich Siegemunds erfolgreiche Solomission fortsetzen, da sei „absolut noch mehr drin“ für sie, befand DTB-Frauenchefin Barbara Rittner bei Eurosport. Rittner kennt Siegemund sehr gut, sie weiß, dass diese selten Chancen auslässt. Schon gar nicht in diesem Jahr, in dem so viele Mitbewerberinnen straucheln und Probleme haben, in Form zu kommen. Dazu zählen auch Angelique Kerber und Julia Görges.

Mit Altmaier war noch weniger zu rechnen als mit Siegemund. Aber der kernige Sportler vom Niederrhein gehört wie Siegemund zu den Profis, die den Stillstand und die ungewöhnlichen Drehungen und Wendungen in der Rumpfserie 2020 am besten bewältigten. Die zu den Gewinnern der Corona-Saison gehören.

Altmaier tingelte zu Saisonbeginn noch in der Weltgeschichte umher, er war in den USA, in Australien, Thailand und Mexiko, bevor er mit einem Evakuierungsflug aus Argentinien in die deutsche Heimat zurückkehrte. Auch hier blieb er nicht lange untätig, lud sich nach dem Wiederbeginn ein Mammutprogramm auf, malochte „härter als Rambo im Film“, wie er selbst sagt.

18 Tage ist Altmaier schon in Paris. Er ging zunächst anonym seiner Arbeit nach, als Nummer 186 der Welt in der Qualifikation. Nun steht er als steiler Aufsteiger schon länger unter verschärfter Beobachtung, und es macht ihm nichts aus. Was sein Coach, der argentinische Ex-Profi Francisco Yunis, von ihm verlangt, sich nur auf das jeweilige Match, auf den jeweiligen Gegner zu konzentrieren, gelingt Altmaier bestens. „Es läuft bisher alles nach Plan“, sagt Altmaier. Er weiß allerdings auch, dass es nun viel schwieriger wird in der zweiten Woche.

Er ist kein Träumer. Gut möglich, dass Altmaier gegen seinen nächsten Gegner Pablo Carreno-Busta (Spanien) sogar erstmals in seinem Leben über fünf Sätze gehen muss. Carreno-Busta sei bekannt als jemand, der anderen nichts schenke, wurde Altmaier vorgehalten. Er konterte das so: „Ich werde ihm auch nichts schenken.“
© Südwest Presse 05.10.2020 07:45
193 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy