Lesermeinung

Zum SchwäPo-Artikel „'Sehrgut-Verdiener' Scholz“ vom 8. Oktober:

Als sich Olaf Scholz unlängst als „sehrgut Verdienender“, aber nicht als „Reicher“ outete, löste er einen medialen Shitstorm aus. Neben dem Klischee des korrupten besteht offensichtlich auch das des reichen Politikers. Mag der Vizekanzler nach den Kriterien des gehobenen Mittelstands auch ein Top-Verdiener sein, dürfte sein monatliches Salär, das gemessen an seiner enormen politischen Verantwortung und dem seinem politischen Rang adäquaten Lebensstil einschließlich der repräsentativen Verpflichtungen durchaus gerechtfertigt ist, das Einkommen eines Zweitligatrainers kaum übersteigen. Das sind verglichen mit den astronomischen Gagen eines Konzernchefs und der Koryphäen des Profisports Peanuts. Jedenfalls ist Scholz kein Selfmadekrösus vom Schlage eines Friedrich Merz.

Bei der ganzen Neiddebatte wird übersehen, dass die Begriffe „arm“ und „reich“ nebulöse Bezeichnungen und diffuse Kategorien sind, die sich einer diakritischen Betrachtung und präzisen Definition entziehen. Nach dem aktuellen und wissenschaftlich fundierten Stand liegt, bezogen auf EU-Standards, die Armutsgrenze bei 60 Prozent (und darunter) vom monatlichen Durchschnittseinkommen von 1301 Euro, was zugegeben einen mehr als bescheidenen Lebensstandard bedeutet. Diese auf statistisch vorgegebenen Parametern basierende und sozialstaatlich abgefederte Armut ist mit der am untersten Existenzminimum angesiedelten Armut in Ländern der Dritten Welt keinesfalls kommensurabel. Ebenso wenig aussagekräftig ist die mit 3418 Euro angegebene monatliche Einkommensuntergrenze für „reich“.

Bei der für unsere „Neidkultur“ symptomatischen Debatte wird ein psychologischer Aspekt verkannt: Neid kann auch einen stimulierenden Impuls haben, ein Pushing-Faktor sein und einen Motivationsschub bewirken, indem er den Neider dazu anhält, es dem Beneideten gleichzutun. Ohne Neid kein Schneid! Denn wer vom Neid zerfressen, hat sein wahres Ego vergessen.

© Schwäbische Post 12.10.2020 20:56
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Kommentare

Harald Seiz

Außerdem "leistete" SPD-Scholz ja auch viel. Ihm als Hamburger Bürgermeister war es zu verdanken, dass die Warburg-Bank ihre mit betrügerischen Methoden durch Cum Ex- Geschäfte ergaunerten Millionen behalten durfte. SPD-Scholz hat als Bürgermeister von Hamburg dafür gesorgt, dass die Ansprüche des Fiskus gegen die Warburg-Bank verjährten.

Und als Finanzminister knüpft er dort an, wo er als Bürgermeister aufgehört hat. Er blockiert ein Gesetz, das verhindern soll, dass solche Ansprüche des Fiskus auch noch künftig durch Verjährung verloren gehen. Was Leute wie Finanzminister Scholz zu solchen "Gefälligkeiten" gegenüber der Wirtschaft motiviert, kann sich jeder denken. Und so einen will die SPD als Kanzler-Kandidaten aufstellen?!   

Warum verdienen wohl Leute wie Gabriel oder Schröder nach ihrer politischen Karriere in der Wirtschaft Unsummen? Weil sie tüchtig und hochqalifizert sind? Das kann glauben, wer will. Ich nicht. Und auch Leute wie Scholz oder Verkehrsminister Scheuer, der den Staat um rund 500 Millionen schädigte (absichtlich?), werden von der Wirtschaft für die ihr gewährten Wohltaten einst belohnt werden.

Menschen, die solche Sauereien als ungerecht anprangern, sollte man nicht des Neids bezichtigen, lieber Herr Scheide! Es ist eine ziemlich billige Argumentation, die überzogenen Einkünfte und Privilegien der Politiker-Kaste unter Hinweis auf Trainer- oder Vorstandsbezüge relativieren zu wollen. Man sollte nicht versuchen einen Missstand dadurch zu verharmlosen, indem man auf einen vermeintlich noch größeren Missstand verweist. Im Übrigen: Bundesliga-Trainer sind in der Regel wenigstens nicht korrupt.

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