E-Sport als „Einstiegsdroge“

Soll virtueller Sport gefördert werden? Der Kriminologe Christian Pfeiffer sieht hier vor allem Jungs und junge Männer in Gefahr.
Ist das noch Zocken – oder schon Sport? Seit Jahren ringt E-Sport, virtueller Sport, in Deutschland um mehr Anerkennung. In der Politik stoßen die Lobbyverbände zunehmend auf offene Ohren. Das ist eine Entwicklung, die dem Kriminologen Christian Pfeiffer Sorge bereitet. „Das ist eine Einstiegsdroge“, sagt der langjährige Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) über aus seiner Sicht nur scheinbar harmlose Fußball-Spiele. „Darüber finden die Jungs den Zugang zu anderen Spielen.“

Der eSport-Bund Deutschland (ESBD) geht davon aus, dass „knapp vier Millionen Menschen in Deutschland sich für E-Sport begeistern“. Er zählt inzwischen 350 E-Sport-Organisationen in Deutschland – Amateurvereine, Profiteams, Hochschulgruppen und Turnierveranstalter.

„Das Thema ,E-Sport' ist längst kein Nischenthema mehr. Wir sprechen hier über ein weltweites Phänomen, das Millionen von Menschen erreicht und begeistert“, sagte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) unlängst im Landtag in Hannover. „Der digitale Breitensport ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

Darum ist E-Sport auch immer wieder ein Thema in den Länderparlamenten. Erst am 6. Oktober hat der Ausschuss für Inneres und Sport des niedersächsischen Landtags beschlossen, „die hohe Bedeutung von virtuellen Sportarten und deren Bedeutung für den Breitensport in Niedersachsen“ anzuerkennen.

Als gemeinnützig anerkannt

Schon 2018 hatte die Regierungskoalition in Sachsen-Anhalt beschlossen, E-Sport zu fördern und sich auf Bundesebene dafür einzusetzen, dass er – wie herkömmlicher analoger Sport auch – als gemeinnützig anerkannt werden und damit Steuervergünstigungen erhalten kann. Auch in den Landesparlamenten in Schleswig-Holstein, Bayern und Rheinland-Pfalz wurde das Thema diskutiert.

An den Anträgen und Beschlüssen in den Landtagen zeige sich, „dass die Lobbyisten des E-Sports ganze Arbeit geleistet haben“, kritisierte Pfeiffer. „Die Reklamesprüche der Computerspielindustrie wurden weitgehend übernommen.“

Pfeiffer nennt E-Sport einen „Leistungskiller“. Er kritisiert eine fehlende Auseinandersetzung der Politik mit Erkenntnissen der empirischen Forschung. „Diese hat seit mehr als zehn Jahren etwas klar belegt: Die bundesweit wachsende Leistungskrise der männlichen Jugendlichen und jungen Männer beruht in hohem Maß auf einem Anstieg der Intensität und täglichen Dauer ihres Computerspielens.“

Vor diesem Hintergrund sei es für ihn kaum überraschend, dass der Anteil der Jungen unter den Gymnasiasten zum Beispiel in Niedersachsen zwischen 2013 und 2017 von 49 auf 42 Prozent sank, während der Mädchen-Anteil von 51 auf 58 Prozent stieg. Pfeiffer: „Die Jungen dominierten dafür 2017 stärker als je zuvor an den Sonderschulen und Hauptschulen und stellten insgesamt drei Fünftel der Sitzenbleiber.“

Auch bei den Studenten gebe es wachsende Leistungsunterschiede zwischen den Geschlechtern. Der Großteil der Studienabbrecher sei inzwischen männlich.

Der ESBD weist Pfeiffers Kritik als „nicht sachgerecht“ zurück. In ihren Vereinen hätten „der gesunde und maßvolle Umgang mit Computerspielen“ und die Vermittlung von Medienkompetenz „oberste Priorität“.

ESBD-Präsident Hans Jagnow zufolge trainiert E-Sport schnelle Reaktionen, die soziale Gemeinschaft und den sportlichen Wettkampf. „Wer das als vor-dem-Bildschirm-sitzen abtut, steckt mit dem Kopf als Digitalisierungsverweigerer noch im letzten Jahrhundert fest.“ dpa
© Südwest Presse 17.10.2020 07:45
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