Die Natur Natur sein lassen

Vor 50 Jahren wurde der Nationalpark Bayerischer Wald gegründet, ein Vorreiter für die Ökobewegung.
  • Eine junge europäische Wildkatze im Nationalpark. Foto: epd
Richard Mergner nennt es „das Prinzip Wildnis“: Im Nationalpark Bayerischer Wald werden das Auerhuhn gesichtet, der Luchs und Pflanzen wie der Siebenstern und der hochgiftige Blaue Eisenhut. Mergner steht dem Bund Naturschutz in Bayern (BN) vor – jenem Verein, der es sich auf die Fahne schreiben darf, den ersten Nationalpark in Deutschland im Oktober 1970 mit begründet zu haben. Der Park hat jetzt sein 50-jähriges Jubiläum.

Rund 24 000 Hektar ist das Gelände im Osten Bayerns groß. 10 800 Arten wurden dort schon gesichtet, ein mittlerweile ungeheures Maß an Biodiversität hat sich entwickelt. Und dieser Nationalpark in der Nähe der niederbayerischen Städte Zwiesel und Grafenau ist Vorreiter der Nationalparks in Deutschland insgesamt. Acht Jahre später wurde, ebenfalls in Bayern, der Nationalpark Berchtesgaden gegründet, 1985 folgte darauf der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Mittlerweile gibt es 16 in Deutschland.

1970 war „Naturschutz“ ein weitestgehend unbekanntes Wort. Einen Nationalpark zu schaffen, sei da eine „abwegige Idee“ gewesen, sagt Mergner. „Erst dachte man an eine Art großes Tiergehege.“

Erfolgreich gegen die Verwaltung

Hubert Weinzierl, damals an der Spitze des BN und heute Ikone des Naturschutzes im Freistaat, bearbeitete die CSU-Verantwortlichen in München und im Bayerischen Wald über lange Zeit mit seiner Nationalpark-Idee. Letztlich mit Erfolg, er setzte sich durch – auch gegen die damalige Forstverwaltung, die den Plan vehement abgelehnt hatte.

Natur Natur sein lassen – das ist bis heute oberstes Ziel des Nationalparks, weiterhin wird es so von den 220 Mitarbeitern im Park, etwa den Rangern, postuliert. Was vor 50 Jahren begann, war ein Kulturschock – gerade für die Menschen im Bayerischen Wald, der Widerstand war groß.

Oft war der Wald mit seinem Holz Lebensgrundlage der Bewohner. Der Bayernwald galt als eine der ärmsten und rückständigsten Gegenden in Deutschland, abgelegen an der Grenze zu Tschechien, am Eisernen Vorhang. „Damals galt: Der Wald muss aufgeräumt sein“, sagt Mergner. „Dass man große umgestürzte Bäume einfach liegen- und verrotten lässt, konnten die Leute nur schwer verstehen. Denn sie waren wertvoll.“

Mittlerweile erkennen die Einheimischen die Vorteile des Nationalparks an. Die einst fast vergessene Region wird heute von 1,3 Millionen Menschen im Jahr besucht. Natururlaub im Bayerischen Wald ist beliebt.

Der Nationalpark im tschechischen Böhmerwald grenzt an den bayerischen, gemeinsam bilden sie die größte europäische Waldfläche ohne Unterbrechungen. Auch ist man sich einig, dass der Nationalpark die gesamte Naturschutzbewegung vorangebracht hat. Patrick Guyton
© Südwest Presse 19.10.2020 07:45
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