Die Werke des bibelfesten Atheisten

Kurpfälzisches Museum Heidelberg stellt Zeichnungen von Friedrich Dürrenmatt aus – und seine Toilette.
  • Nachbau von Friedrich Dürrenmatts „Sixtinischer Kapelle“. Foto: Mathias Ernert
Als Schriftsteller ist Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) weltberühmt. Weniger bekannt ist, dass er sein ganzes Leben gezeichnet hat, sogar während Philosophie-Vorlesungen an der Universität Bern, in der Kneipe oder an den Wänden seines Wohnhauses. Zum ersten Mal zeigt eine Ausstellung in Deutschland Karikaturen des Schweizers. Die Schau mit 100 Exponaten im Kurpfälzischen Museum Heidelberg wurde am Sonntag eröffnet und ist bis zum 7. Februar zu sehen.

Die zweisprachige Schau anlässlich seines 100. Geburtstags entstand in Zusammenarbeit mit dem Centre Dürrenmatt im schweizerischen Neuchâtel. Am Ort seines früheren Wohnhauses werden seine Bilder erhalten. Heidelberg ist die einzige Station außerhalb der Schweiz, an der die Werke gezeigt werden.

Als Zeichner illustrierte Dürrenmatt nicht nur seine eigenen Bücher, sondern reagierte auch auf politische Themen, wie Kurator Josua Walbrodt sagte. Ob ins Notizheft oder auf eine Speisekarte, mit einem Kugelschreiber oder Filzstift, das Material war ihm egal. Die Karikatur bildet die größte Themengruppe in seinem grafischen Werk.

Dürrenmatt habe besonders die Schnelligkeit und Spontaneität der Kunstform gemocht, sagte Walbrodt. Mit der „Karikatur als Waffe“ habe er bewusst auf gesellschaftliche und weltpolitische Missstände gezielt. Immer wieder habe sich der „bibelfeste Atheist“ und Sohn eines evangelischen Pfarrers mit religiösen Themen beschäftigt. Auch in Heidelberg sind zahlreiche Bilder mit Engeln, dem Teufel, dem Papst oder Kreuzigungsmotiven zu sehen. In seinem Wohnhaus in Neuchâtel habe er die Toilette mit grotesken Gestalten bemalt. Den Raum, der in der Heidelberger Schau nachgebaut wurde, habe er „Sixtinische Kapelle“ genannt, um sich ironisch mit dem Renaissancekünstler Michelangelo zu vergleichen.

Heute noch aktuell ist ein Zitat Dürrenmatts, das er kurz vor seinem Tod Ende 1990 sagte: „Das Auseinanderklaffen von dem, wie der Mensch lebt, und wie er eigentlich leben könnte, wird immer komischer. Wir sind im Zeitalter der Groteske und der Karikatur.“ Christine Süß-Demuth
© Südwest Presse 19.10.2020 07:45
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy