Pierre Soulages im Museum Frieder Burda

Eine Farbe, viele Facetten

Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden zeigt Malereien des 100-jährigen Pierre Soulages. Ein Ausnahmekünstler, der fast ausschließlich mit Schwarz arbeitet.
  • Universalfarbe Schwarz: Bei der Pierre-Soulages-Retrospektive in Baden-Baden scheinen Betrachter und Kunstwerk bisweilen zu verschmelzen. Foto: Gerda Meier-Grolman
Als schwerer monolithischer schwarzer Block liegt Pierre Soulages seit Jahrzehnten mitten auf der Vorzeigepromenade der jüngeren Kunstgeschichte. Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden widmet dem Jahrhundertkünstler seit Freitag eine Retrospektive, die seinen Werdegang von 1946 bis heute dokumentiert.

Zahlreiche Spaziergänger auf dieser Prachtstraße der Moderne wollten dieses unbequeme Hindernis schon aus dem Weg räumen, indem sie versuchten, Soulages für sich und ihre Zwecke zu vereinnahmen. Informel-Künstler wie etwa Hans Hartung zogen den einzig und allein der Farbe Schwarz huldigenden Franzosen schnell auf ihre Seite, um so die Anhängerschar einer dezidiert ungegenständlichen Malerei zu vergrößern. Andere erhoben ihn zum idealen französischen Gegenpart des damals besonders in den USA verbreiteten abstrakten Expressionismus eines Franz Kline oder Robert Motherwell.

Aber der am Heiligen Abend des Jahres 1919 im südfranzösischen Rodez geborene Pierre Soulages denkt auch nach nahezu einem Jahrhundert künstlerischen Schaffens nicht daran, sich in irgendeine Schublade stecken zu lassen. Er bleibt der Einzelgänger mit dem aufrechten Gang, dem nur eines wichtig ist: dass er tagaus, tagein mit seiner Universalfarbe Schwarz experimentieren kann. Dabei spielen für ihn – wie man in der opulenten Werkschau im Baden-Badener Museum sehen kann – die unendlich vielen Erscheinungsformen seiner Lieblingsfarbe eine große Rolle. Erscheinungsformen, denen er in seinen Bildern Ausdruck verleiht und die er gerne mit aufwändigen technischen Finessen in etlichen Zyklen und Werkreihen durchspielt. Zudem ist es für den Künstler von Bedeutung, dass der Betrachter mittels seiner Bilder eine solide Grundlage für ein freies Meditieren und Assoziieren erhält. Versteht sich, dass dies nur möglich wird, wenn eine potente Lichtquelle zur Verfügung steht, die sämtliche von Soulages angelegten Schraffuren, Texturen und Oberflächenbrechungen sichtbar werden lässt.

Soulages selbst hatte in seinem eigenen Museum in Rodez zu seinen eh schon tiefschwarzen Leinwänden noch oft dunkle, um nicht zu sagen düstere Raumverhältnisse dazu geordert. Dagegen trumpft das von Stararchitekt Richard Meier entworfene Museum Frieder Burda mit einer Fülle an natürlichem Licht auf, die man dem Gebäude trotz seiner zahlreichen Glaswände nicht zugetraut hatte. Voraussetzung für diese Lichtoffenbarungen in der Lichtentaler Allee in der badischen Kurstadt sind natürlich möglichst sonnige Tage: Vor einem Besuch der Werkschau lohnt sich der Blick auf die Wettervorhersage.

Warum nun ausgerechnet Pierre Soulages in Frieder Burdas Kunstherberge? Einmal bietet sich für die Baden-Badener die seltene Gelegenheit, hierzulande eine der letzten lebenden Legenden der jüngsten Klassischen Moderne zu präsentieren. Dieser hundertjährige Olympier hat sich ja schon sämtlichen erreichbaren Lorbeer auf sein greises Haupt legen lassen. Gleich dreimal sind seine Malwerke auf der Weltkunstschau in Kassel zu Gast gewesen, Soulages wurde 1992 der „Praemium Imperiale“ verliehen, eine Auszeichnung, die man sozusagen als Nobelpreis der Kunst durchgehen lassen kann und kürzlich hat ihm sogar der Pariser Louvre eine Hommage ausgerichtet und mit dieser Ehre dürfen wahrlich nur die auffälligsten und einprägsamsten Figuren in der Kunstwelt rechnen.

Zudem wollte das Museumsteam in der Lichtentaler Allee offenbar herausstreichen, dass es durchaus dazu in der Lage ist, den hauseigenen Großmalern Gerhard Richter, Sigmar Polke, Anselm Kiefer oder Georg Baselitz Paroli zu bieten und Kontrapunkte zu setzen. In den auch in Corona-Zeiten auf Publikumsnähe getrimmten Kunsttempeln soll sich keine Langeweile oder Eintönigkeit ausbreiten. Eintönig, das sind Soulages Experimente mit seiner Lieblingsfarbe Schwarz auf keinen Fall.
© Südwest Presse 19.10.2020 07:45
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