Leitartikel Hajo Zenker über das Hoffen auf einen Corona-Impfstoff

Offene Fragen

  • Autor Hajo Zenker Foto: Gerd Markert
Der Hoffnungsträger in dieser Corona-Krise heißt Impfstoff. Häufig wird der Eindruck erweckt, wenn es um den Jahreswechsel herum eine erste Zulassung geben sollte, würde sich der ganze Virus-Spuk schnell in Luft auflösen. Das ist ein Trugschluss. Aus vielerlei Gründen. So verfolgen die Forscher verschiedene Ansätze, um das Immunsystem des Menschen so zu aktivieren, dass es gegen Sars-Cov2 ankämpfen kann. Vom letztlich erfolgreichen Konzept hängt ab, wie schnell sich das Vakzin produzieren lässt. Das Verfahren, auf das etwa die deutschen Firmen Biontech und Curevac setzen, ließe schnell große Mengen zu, hat aber bisher noch zu keinem einzigen zugelassenen Impfstoff geführt. Und für Transport und Lagerung würde extreme Kälte benötigt. Klassische Vakzine dagegen erfordern in der Herstellung einen viel größeren Aufwand, das begrenzt die Produktionsmengen.

Niemand weiß bisher, wie lange die Immunität aus der Spritze hält. Es kann gut sein, dass man sich – wie bei der Grippe – jährlich impfen lassen muss. Derzeit sieht es zudem so aus, dass für einen Menschen zwei Impfungen im Abstand von gut einem Monat nötig sind, um sich zu immunisieren. Was natürlich bedeutet: Stehen zunächst beispielsweise zehn Millionen Dosen zur Verfügung, kann man nur fünf Millionen Menschen impfen. Man muss bei der Verteilung also streng priorisieren. Nur: Erfahrungsgemäß schlägt eine Impfung bei alten Menschen in der Regel am schlechtesten an, gerade die Älteren jedoch will die Gesellschaft ja eigentlich besonders schützen, weil das Virus etwa in Seniorenheimen besonders viel Schaden anrichten kann. Bei jungen Leuten dagegen wirkt ein Impfstoff viel zulässiger, ist also mit höherer Wahrscheinlichkeit ein wirklicher Schutz und kann so Infektionsketten unterbrechen. Das sind schwierige Abwägungen. Es gibt allerdings auch ein erfolgversprechendes Impfstoff-Projekt, bei dem eine Injektion ausreichen soll. Das würde die Immunisierung weiter Teile der Bevölkerung deutlich erleichtern.

Unklar ist auch, ob die Impfstoffe lediglich einen schweren Verlauf verhindern und der Geimpfte das Virus trotzdem weiter verbreiten kann. Oder ob sich der Ausbruch der Krankheit komplett unterbinden und sich gleichzeitig dafür sorgen lässt, dass der Immunisierte das Virus nicht weitergibt. Noch ist ebenfalls nicht bekannt, bei wie vielen Menschen die ersten Impfstoffe überhaupt anschlagen. Die US-Zulassungsbehörde etwa verlangt eine Wirksamkeit von mindestens 50 Prozent: Das heißt, dass sich von einer Gruppe von Geimpften höchstens halb so viele mit der Krankheit anstecken wie in einer vergleichbaren Gruppe von Ungeimpften. Oder anders: Viele Geimpfte können bei einer Fifty-fifty-Wirksamkeit trotzdem Covid-19 bekommen.

Sehr viele Fragen sind also noch immer offen. Deutlich mehr Klarheit dürften die kommenden Monate bringen. Wenn wir Glück haben, ist es in einem Jahr so weit, dass wirksame, sichere Impfstoffe uns Stück für Stück einen guten Teil unseres alten Lebens zurückgeben.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 19.10.2020 07:45
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