Minderjährige als Tatverdächtige

„Das ist reale sexuelle Gewalt“

Immer öfter teilen Minderjährige in Chats oder sozialen Netzwerken kinderpornografisches Material und werden dabei unwissentlich zu Tätern. Mit einer Kampagne will die Polizei aufklären.

  • Über die Handys von Kindern und Jugendlichen laufen nicht nur Videospiele, sondern vermehrt auch kinderpornografische Inhalte. Die Polizei warnt, dass schon Zehnjährige über Chats und Social-Media-Kanäle damit konfrontiert werden. Foto: Tobias Hase/dpa
  • Viktoria Jerke leitet die bundesweite Aufklärungs- kampagne. Foto: Polizei

Im April 2019 konfisziert die Polizei in einer Stuttgarter Schulklasse sämtliche Handys. Über Whatsapp hatten die Schüler zuvor kinderpornografisches Material geteilt. Immer öfter verbreiten Minderjährige nach Angaben der Polizei solche oft strafbaren Inhalte. Viktoria Jerke (40) vom Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes mit Sitz in Stuttgart leitet eine neue Kampagne, mit der gegengesteuert werden soll.

Frau Jerke, rund ein Drittel der Tatverdächtigen im Bereich Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie ist laut bundesweiten Zahlen aus dem Jahr 2019 unter 18. Ein hoher Anteil. Welche Beweggründe stecken dahinter?

Viktoria Jerke: In den allermeisten Fällen handelt es sich um jugendlichen Leichtsinn. Man bekommt ein Foto oder ein Video zugeschickt, da hat der Absender schon fünf Smileys daruntergesetzt. Ein anderer aus der Gruppe macht sich darüber lustig, und dann macht man einfach mit. Natürlich gibt es auch die, die provozieren oder schockieren wollen, nach dem Motto: Ich bin jetzt besonders cool, wenn ich einen noch schlimmeren Inhalt verbreite. Da kommt viel zusammen: Unbedachtheit, Unerfahrenheit und die Gewohnheit, alles, was ich bekomme, weiterzuleiten.

Dabei handelt es sich um handfeste Straftaten . . .

Richtig. Das ist vielen Kindern und Jugendlichen nicht bewusst und darauf zielt auch unsere Kampagne ab: klarzumachen, dass das Versenden und Speichern solcher Videos Straftaten sind und es sich um reale schwere sexuelle Gewalt handelt.

Auf welchen Kanälen werden Fotos und Filme verbreitet?

Auf allen Kanälen, auf denen junge Leute unterwegs sind. Von Chats bis zu Messenger-Diensten oder Social-Media-Kanälen. Es kann zum Beispiel die Whatsapp-Gruppe des Volleyball-Vereins sein, wo einer meint, besonders herausstechen zu müssen.

Wie kommen Kinder und Jugendliche überhaupt an solche Inhalte?

Das ist tatsächlich gar nicht so schwer, man muss dafür nicht mal ins Darknet. Man findet die Inhalte auf Seiten, die eine Sammlung von halblegalen bis illegalen Bildern und Videos verbreiten. Das reicht von Gewaltvideos über Tierpornografie bis eben hin zu kinder- und jugendpornografischen Darstellungen.

Welche Inhalte gelten als strafbar?

Unter Umständen können Posing-Darstellungen schon strafbar sein. Also Bilder, die Kinder in sexualisierter Art und Weise zeigen. Ganz klar strafbar sind Inhalte, die sexuellen Missbrauch abbilden. In der Kampagne geht es uns aber auch darum, den Jugendlichen zu zeigen, dass es nicht immer die klassische Vergewaltigung sein muss. In den Kurzclips, die auf der Grundlage von Schilderungen von Kollegen aus Baden-Württemberg erstellt wurden, geht es beispielsweise um einen Fall, in dem ein Mann ein Baby in Windeln missbraucht. Das ist eindeutig. Es gibt aber auch die Schilderung, bei der ein Kind ein Tier vergewaltigt, ein Video übrigens, das bei jungen Menschen ziemlich bekannt ist. Für manche ist das nicht so einfach zuzuordnen. Zumal man sich in dem Alter ja auch oft gar keine Gedanken über Kinderpornografie macht.

Wie können Kinder und Jugendliche dann erkennen, dass es sich um strafbare Inhalte handelt?

Ein Gefühl dafür, was richtig und was falsch ist, ist schon früh verankert. Sprich: Die Dimension des Strafbaren ist vielen vielleicht nicht bewusst, sie ahnen aber, dass hier etwas nicht stimmt, dass hier eine Grenzüberschreitung stattfindet. Mit der Kampagne wollen wir an dieses Bauchgefühl appellieren.

Wenn sich der Bauch meldet, was ist dann zu tun?

Unsere wichtigste Empfehlung ist: nicht weiterschicken. In einem zweiten Schritt sollte man Inhalte, bei denen man ein ungutes Gefühl hat, melden. Man kann sich an die Internetbeschwerdestelle wenden, an die Polizei oder direkt die Netzwerkbetreiber kontaktieren. Sie sind verpflichtet, solche Meldungen an die Behörden weiterzuleiten. Außerdem kann man den Verschicker auch direkt darauf aufmerksam machen, dass man solche Inhalte nicht empfangen möchte, und den Chat verlassen.

Viele Jugendliche dürften sich davor scheuen, Klassenkameraden oder Freunde anzuschwärzen . . .

Wir sehen das Spannungsverhältnis, in dem sich Jugendliche befinden. Für uns als Polizei ist es aber natürlich trotzdem wichtig, deutlich zu machen, dass es sich um eine Straftat handelt. Den jungen Leuten muss auch klar sein, dass nicht nur derjenige, der solche Inhalte verschickt, Verbotenes tut, sondern auch derjenige, der sie empfängt: Der Straftatbestand lautet Verbreitung, Erwerb und Besitz von Kinderpornografie. Sobald ein Video auf meinem Handy aufploppt und gespeichert wird, mache ich mich strafbar.

Strafmündig ist man erst ab 14 Jahren. Wie gehen Sie mit Tatverdächtigen um, die jünger sind?

Grundsätzlich geht es im Jugendstrafrecht um den erzieherischen Aspekt. Die zuständigen Beamten gehen mit den Kindern, aber auch mit strafmündigen Jugendlichen ins Gespräch und zeigen ihnen die Dimensionen ihres Handelns auf. Abschreckend wirkt sicher auch, dass die Eltern dann davon erfahren und das Handy erst mal weg ist – da es als Beweismittel konfisziert wird. Bei Jugendlichen ab 14 Jahren sind auch Strafen wie soziale Arbeitsleistungen möglich.

Wie sind die bisherigen Rückmeldungen auf die Kampagne?

Sehr positiv. Viele Jugendliche, die mit solchen Inhalten schon konfrontiert waren, sind froh, dass sie jetzt konkrete Verhaltenstipps an die Hand bekommen. Andere wiederum kannten die Problematik bisher noch gar nicht und sind dankbar für die Information.

© Südwest Presse 19.10.2020 07:45
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